Matthias Schröder: "Ja, da haben Sie völlig recht. Meine Sehfähigkeit ist auch in den letzten Wochen wieder stark zurückgegangen, so dass ich jetzt auf dem linken Auge nur noch eine Sehfähigkeit von 0,8% und auf dem rechten Auge von 2% habe. Schreiben funktioniert auch als Blinder oder besser gesagt als stark Sehgeschädigter ganz gut. Es gibt sowohl Sprachprogramme, die den Text vorlesen als auch Vergrößerungs-programme, die den Text so weit vergrößern, dass ich ihn auch wieder lesen kann. Beide Programme besitze ich und damit geht es ganz einfach."
Schröder: "Richtig! Ich habe die Goldmedaille über 200 Meter und die Silbermedaille über 100 Meter gewonnen."
spektrumdirekt Es gab aber auch eine unangenehme Situation – ich spreche die Disqualifikation an.
Schröder: "In der Paradedisziplin über 400 Meter wurden wir (mein Begleitläufer Eric Franke und ich) disqualifiziert. Wir kannten eine Regel nicht, die besagt, dass wir nur einen Abstand von 50 Zentimetern zueinander haben dürfen. Leider hatten wir einen Abstand von einigen Metern. Ansonsten wäre es eine zweite Goldmedaille gewesen. Aber es ist trotzdem gut zu wissen, dass wir die schnellsten in Europa sind – trotz der Disqualifikation."
spektrumdirekt Stichwort Disqualifikation – die Goldmedaille bei den Paralympics 2008 in Peking wurde Ihnen nach einem Regelverstoß des chinesischen Kontrahenten Yansong Li zugesprochen.
Schröder: "Da haben sie recht. Mein chinesischer Gegner hat mehrfach seine Laufbahn verlassen und dadurch in beiden Kurven des 400 Meter Laufs abgekürzt. Wir als stark Sehbehinderte haben schon zwei Bahnen, da wir uns aussuchen können mit oder auch ohne Begleitläufer zu laufen und wenn man bei zwei Bahnen immer noch übertritt, dann ist das natürlich ärgerlich. Aber Regel ist Regel – das habe ich am eigenen Leib erlebt."
spektrumdirekt Wenn Sie die Spiele in China Revue passieren lassen, woran erinnern Sie sich besonders gerne – abgesehen von der Goldmedaille?
Schröder: "Es hört sich komisch an, aber wenn man zu den Paralympics fliegt – wo auch immer sie stattfinden – ist das eine Welt für sich. Man wird so fröhlich und zuvorkommend in diesem Land empfangen, das ist echt genial. Wir haben uns ja auch viel angesehen in Peking, den "Platz des himmlischen Friedens" und auch die "Chinesische Mauer“ und überall so viel Freude und auch Hilfe der Einheimischen erlebt. Das ist schon echt super!"
spektrumdirekt Die Goldmedaille in Peking haben Sie in der Starterklasse T12 geholt, wofür steht dieses Kürzel?
Schröder: "Es gibt beispielsweise die Kürzel "T12" oder "F12". Das "T" bedeutet "Track", damit sind also alle Läufe gemeint, die auf der Bahn absolviert werden. Das "F" steht für "Field", also für alle technischen Disziplinen, die außerhalb der Laufbahn stattfinden. Die "12" beschreibt meine Sehfähigkeitsklasse. Es gibt die "11" für Vollblinde, die "12" bis ca. 2,5% Sehkraft und die "13" für Leute, die noch einen Sehrest von etwa 10% haben."
Schröder: "Nein, ich denke nicht, dass er die Wertschätzung bekommt, die er und die Sportler verdient haben. Es ist zwar genial, was alle vier Jahre los ist in der Presse und auch die Berichterstattung während der Paralympics ist super, allerdings gibt es uns auch die drei Jahre da-zwischen. Und da muss ich sagen, dass die Medien so gut wie gar nichts bringen. Es wurde neulich, ich glaube ein einziges Mal im Video-text erwähnt, dass eine Europameisterschaft der Sehbehinderten stattfindet. Abgesehen davon, wurde nichts weiter darüber gesagt und das ist traurig. Wir als Behinderte haben auch eine Europameisterschaft oder eine Weltmeisterschaft, aber darüber wird selten oder gar nicht berichtet."
spektrumdirekt Wie sind Sie eigentlich zum Laufen gekommen?
Schröder: "Ich war ein Spätzünder, ich war immer derjenige, der sich als Kind mit Freunden im Innenhof getroffen hat und mit Sport nicht ganz so viel zu tun hatte. Aber in der neunten Klasse hat mich mein damaliger Sportlehrer nach einem Sportfest zur Seite genommen. Er sagte, man könne so ein Talent einfach nicht verschwenden. Ich hatte nämlich jedes Jahr Schulrekorde aufgestellt über die Sprintstrecken. Also brachte er mich zu meinem damaligen Verein, bei dem ich ein Probetraining absolvierte. Anschließend wollte mich der Trainer nicht mehr gehen lassen und so begann meine sportliche Laufbahn."
spektrumdirekt Wie trainieren Sie, gibt es Unterschiede zum Training eines "gesunden" Athleten?
Schröder: "Was meine Person angeht, so gibt es keine Unterschiede. Ich mache die exakten Läufe oder auch Sprünge wie jeder andere Athlet auch. Anders ist es natürlich bei Sportlern mit einer Prothese oder auch bei Rollstuhlfahrern. Ansonsten ist es dasselbe. Es gibt aber auch mal Situationen, in denen ich beim Hürdenlauf die Hürden nicht sehe. Dann lasse ich das aber sein."
spektrumdirekt Sie laufen 100 Meter in 10,85 Sekunden, was ein hervorragendes Ergebnis ist. Wären Sie ohne Ihre Sehbehinderung möglicherweise noch schneller?
Schröder: "Das kann ich nicht sagen. Ärzten zufolge, soll es so sein. Mein Gehirn soll angeblich im Unterbewusstsein eine Sperre aktivieren, wenn ich zu schnell laufe. Das passiert aus Selbstschutz, weil jederzeit ein Gegenstand im Weg stehen könnte, dadurch wird der Körper blockiert. Ob das jedoch stimmt, weiss ich nicht. Jedenfalls versuche ich natürlich noch schneller zu werden und werde mein Bestes geben, um das auch zu schaffen."
Schröder: "Seit Ende Januar habe ich einen Begleitläufer namens Eric Franke. Ich musste mir einen suchen, da ich in Peking Probleme hatte die Laufbahn richtig zu erkennen. Nach der Disqualifikation des Chinesen ist mir klar geworden, dass mir dasselbe passieren kann. Mein Begleitläufer muss schneller sein als ich, um beim Sprint die Lockerheit zu haben, mich noch zu führen und mir Anweisungen zu geben. Inzwischen sind wir ein super Team geworden und dass es was gebracht hat, hat man ja an den jüngsten Erfolgen gesehen."
spektrumdirekt Wie wäre es ohne Begleitläufer für Sie weiter-gegangen?
Schröder: "Ich bin froh jemanden wie Eric gefunden zu haben, denn es stand in den Sternen wie es für mich weitergeht. Ohne Begleitläufer, hätte ich mir das Laufen alleine vermutlich nicht mehr zugetraut. Ich bin Eric auch sehr dankbar, dass er mein Begleitläufer ist, denn das macht er alles nebenbei. Als Begleitläufer verdient er auch so gut wie nichts, daher ist es schwer überhaupt jemanden zu finden."
spektrumdirekt Sie sagten mal, der Sport habe Ihnen Lebensqualität zurückgegeben.
Schröder: "Damals, als es mit der Sehkraft immer schlimmer wurde, bin ich in ein Loch gefallen. Ich habe mir die Frage gestellt, warum ich und ich wußte nicht so richtig, wie es weitergehen soll. Dass ich dann die Möglichkeit hatte den Behindertensport auszuüben, hat mich wieder aufgebaut und mir Kraft gegeben. Ich habe auch viele andere Seh-behinderte und auch Blinde kennen gelernt und mitbekommen, dass man auch mit einer schwachen Sehkraft ganz normal weiter machen kann. Als dann natürlich auch die ersten sportlichen Erfolge kamen, bin ich wieder richtig aufgeblüht und habe den Spaß am Leben und am Sport wieder gefunden."
spektrumdirekt Können Sie vom Sport leben?
Schröder: "Nein, vom Sport allein kann ich nicht leben. Ich bin zwar in einer Förderung, durch die ich finanziell unterstützt werde, das reicht aber nicht einmal für die Hälfte meiner Mietkosten. Ich bin berufstätig und arbeite bei den Berliner Verkehrsbetrieben im Kommunikations-management. Es ist ein toller Arbeitgeber, der mich für Wettkampfe, Training und Trainingslager freistellt, so dass ich sportlich gesehen keine Abstriche machen muss."
spektrumdirekt Silber in Athen, Gold in Peking, was sind Ihre sportlichen Ziele für die Zukunft?
Schröder: "Mein größter Wunsch wäre natürlich meinen Titel bei den nächsten Paralympischen Spielen in London zu verteidigen und dann vielleicht einen Weltrekord zu laufen. Das wäre das große Ziel für die Zukunft. Bis dahin möchte ich aber auch noch Medaillen bei der kommenden Weltmeisterschaft in Neuseeland holen."
spektrumdirekt Herr Schröder, vielen Dank für dieses Gespräch.
Matthias Schröder ist am 24. September 1982 in Berlin geboren. Seit dem sechsten Lebensjahr leidet er unter einer Sehbehinderung namens Makuladegeneration. Bei dieser genetisch bedingten Krankheit wird ein Eiweißprodukt, das zum Überleben der Netzhaut benötigt wird, nicht mehr produziert. Das hindert den 26-Jährigen jedoch nicht daran, seiner Leidenschaft nachzugehen – dem Laufen. Matthias Schröder läuft in den Disziplinen über 100, 200, 400 und über 4x100 Meter Sprint, außerdem ist er auch im Weitsprung aktiv. Er ist mehrfacher Deutscher Meister, Europameister und Weltmeister. Zu seinen größten Erfolgen zählen der Gewinn der Silbermedaille über 200 Meter bei den Paralympics 2004 in Athen sowie die Goldmedaille über 400 Meter bei den Paralympics 2008 in Peking. Schröder ist gelernter Industriekaufmann und arbeitet bei den Berliner Verkekehrsbetrieben im Bereich Kommunikations-management. Das nächste Großereignis, auf das der 26-jährige Athlet hinarbeitet, ist die Welmeisterschaft der Behinderten in Neuseeland im Januar 2011.
Das Gespräch führte Bartek Langer
Dieser Beitrag ist Teil eines Projektes der Studierenden des 4. Semesters Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt zum Thema "Laufen": Bewegtes Wissen







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