Wenige Minuten später segle ich bereits mit ausgebreiteten Schwingen durch den Himmel über Wien. Unter mir der Stephansdom. Leichtes Korrigieren lässt mich in einer weiten Schleife vorbei an der Pestsäule in Richtung Hofburg gleiten. Wenn ich den Dächern zu nahe komme, gewinne ich durch ein paar kräftige Flügelschläge wieder an Höhe. Das zumindest suggerieren die Großstadt-Projektionen, von denen ich umgeben bin. Sensoren verfolgen millimetergenau vier Dioden im angeschnallten Kunstgefieder, die Ortsfunktionen der Leuchtpunkte werden dann an eine unsichtbare Recheneinheit weitergegeben und dort zu Bildern umgerechnet, die mir einen Flug über Wien vorgaukeln.
Das leise Surren einer anderen Kugel lässt den Adrenalinspiegel vieler Menschen in die Höhe schnellen. Kurz rattert sie über einige Mulden hinweg, um dann still in einem Zahlenfach liegen zu bleiben: Die Rede ist vom Roulette. Auf Glücksspielen wie diesem liegt der Schwerpunkt im "Zufallsraum", in dem anschauliche Beispiele die Gewinnchancen verdeutlichen. So entspricht die Wahrscheinlichkeit, auf der Strecke von Berlin nach Cottbus mit einem blind aus dem Autofenster geworfenen Centstück einen wahllos aufgestellten, schmalen Stab zu treffen einem Sechser im Lotto. Für einen Sechser mit Superzahl verlängert sich die Strecke übrigens bis Rom. Vielleicht doch keine Tippscheine mehr ausfüllen?
"Alles ist Zahl" hätte wohl der griechische Philosoph Pythagoras auf diese Frage geantwortet – er wandte diesen Grundsatz sogar auf die Musik an. Seine Erkenntnisse können die Museumsbesucher in einem eigens den Zahlen gewidmeten Raum nachvollziehen, indem sie Saiten nach dem Verhältnis ganzer Zahlen aufteilen und dann Quinten, Quarten und Oktaven zupfen. An anderer Stelle lernen sie hingegen den Umgang mit Rechenbrett und Dualsystem oder bestaunen Enigma, die wohl berühmteste Chiffriermaschine der Geschichte.
Bevor den weniger Hartgesottenen der Spaß vergeht, gibt es schnell wieder etwas zu bestaunen: Der Blick in einen Würfel eröffnet eine schier unendliche Welt verschachtelter Spiegelungen. So wie an dieser Stelle bietet die Ausstellung immer wieder Exponate, die zum experimentieren einladen – und das nicht nur für Erwachsene. Sogar an die ganz Kleinen, die den Themenräumen vielleicht noch nicht so viel abgewinnen können, wurde gedacht: Auf der Kinderinsel gibt es Kugelbahnen und viereckige Räder, Spiegel zum gucken und platonische Körper zum bauen.
Einen weiteren Sonderbereich der Ausstellung bildet die angegliederte Kunstausstellung. Wer eine Fuge hört oder ein Bild von Escher betrachtet, der erkennt den gegenseitigen Einfluss von Mathematik und Kunst. Für die "mathema" haben die Kuratoren speziell solche Kunstwerke und Installationen zusammengestellt, die sich mit dem Thema Kodierung befassen – sei es das Dualsystem des Computers oder der Genetische Code. Dadurch bleibt die Kunst zunächst auch für den Betrachter verschlüsselt. Einen Zugang findet nur, wer die Erklärungen liest.
Ein weiterer Pluspunkt: Die mathema ist konsequent zweisprachig konzipiert, ohne damit aufdringlich zu wirken. Sie ist planmäßig bis zum 2. August 2009 zu sehen. Die Eintrittskarte gilt übrigens nicht nur für die mathema, sondern auch für das gesamte Technikmuseum inklusive dem Science Center "Spektrum". Mit genügend Zeit lohnt sich der Besuch also auch, wenn man der Mathematik nur einen flüchtigen Blick schenken will.








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