Lachhafte Idee
Etwa zur gleichen Zeit, als die wissenschaftliche Welt fieberhaft nach dem rätselhaften Aids-Erreger fahndete, versuchte der am 11. März 1936 in Gelsenkirchen geborene Virologe nachzuweisen, dass Gebärmutterhalskrebs – die weltweit zweithäufigste Tumorerkrankung bei Frauen – ebenfalls von Viren ausgelöst wird.
Bereits zu Beginn der 1970er Jahre fand zur Hausen DNA des Epstein-Barr-Virus in Gewebeproben menschlicher Tumoren.
"Zur Hausen war ein Außenseiter, dem viele nicht geglaubt haben"
(Bo Angelin)
Damit hatte er den ersten Hinweis, dass sich virales Erbgut in menschliche Zellen einschleichen und diese damit eventuell zu Krebszellen entarten lassen kann – eine Idee, für die der Virologe manches Gelächter seiner Kollegen einstecken musste. "Zur Hausen war ein Außenseiter, dem viele nicht geglaubt haben", meint Nobelkomitee-Mitglied Bo Angelin.
(Bo Angelin)
Zur Hausen ließ sich nicht beirren und wandte sich den Humanen Papillomviren (HPV) zu. Diese allgegenwärtigen Viren, von denen es etwa 100 verschiedene Typen gibt, gelten meist als harmlos. Einige besiedeln vorzugsweise die Schleimhäute des Genitalbereichs und können daher beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Mehr als 70 Prozent der sexuell aktiven Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit Papillomviren; in fast allen Fällen bleibt diese Infektion unbemerkt.
1983 – zur Hausen war inzwischen zum Vorsitzenden und Wissenschaftlichen Mitglied des Stiftungsvorstands des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg ernannt – kam der Durchbruch: Seine Arbeitsgruppe isolierte aus Krebszellen die beiden Virustypen 16 und 18. Heute gilt als sicher, dass über die Hälfte der Gebärmutterhalskrebstumoren von HPV16 ausgelöst wird, fast ein Fünftel von HPV18.
Impfen gegen Krebs
Auch die Mechanismen der Tumorbildung konnten inzwischen weit gehend aufgeklärt werden: Zwei HPV-Proteine, E6 und E7, interagieren mit menschlichen Tumorsuppressor-Proteinen – darunter auch das von vielen Krebskrankheiten bekannte p53 – und lösen so eine fatale Kettenreaktion aus.
Damit bietet sich – wie zur Hausen bereits 1984 erkannte und einforderte – ein Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs an: Impfung. "Weltweit könnten theoretisch etwa eineinhalb Millionen infektionsbedingte Krebsfälle jährlich verhindert werden, wenn alle Möglichkeiten der Prävention genutzt würden", betonte der Virologe noch im Jahr 2007.
" Weltweit könnten eineinhalb Millionen infektionsbedingte Krebsfälle jährlich verhindert werden, wenn alle Möglichkeiten der Prävention genutzt würden"
(Harald zur Hausen)
Doch auch hier stieß er auf Widerstand. Deutsche Pharmafirmen winkten zunächst ab, zögernd griffen dann US-Firmen seine Idee auf, einen Impfstoff gegen Krebs zu entwickeln. Inzwischen hat sich zur Hausen durchgesetzt: Seit März 2007 empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut die HPV-Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren.
(Harald zur Hausen)
Viele Namen eines Übeltäters
Davon ist die Medizin bei Aids immer noch weit entfernt. Die rätselhafte Seuche, die zu Beginn der 1980er Jahre wie aus dem Nichts plötzlich auftauchte, gilt immer noch als unheilbar. Die Betroffenen des Acquired Immune Deficiency Syndrome sterben an eigentlich harmlosen Infektionen, da ihr Immunsystem lahmgelegt wird. Heute, nach einem Vierteljahrhundert intensiver Aids-Forschung, gibt es zwar Medikamente, die den Ausbruch der Krankheit verzögern – mehr aber auch nicht.
Bei einem anderen Aids-Patienten konnten die Forscher einen Erreger aufspüren, der ebenfalls zur Gruppe der Lentiviren zählte. Dieser sollte auf den Namen IDAV (Immunodeficiency Associated Virus) hören. Und um die Verwirrung zu vergrößern, stieß 1984 der Amerikaner Robert Gallo auf ein Virus, das er ARV (Aids Associated Retrovirus) nannte.
Doch wer hat's entdeckt? Montagnier hatte zwar das Patent für den ersten Aidstest ein halbes Jahr vor Gallo beantragt, dieser hatte es allerdings schneller vom US-Patentamt bewilligt bekommen.
"Wenn es darum geht, wer eines Nobelpreises würdig ist, sind wir Experten"
(Bertil Fredholm)
Inzwischen wird meist beiden Arbeitsgruppen der Verdienst der Entdeckung zugesprochen.
(Bertil Fredholm)
In Stockholm sieht man das allerdings anders. "Es kann als klar erwiesen angesehen werden, dass die Entdeckung in Frankreich gemacht worden ist", betont der Chef des Nobelkomitees, Bertil Fredholm. "Und wenn es darum geht, wer eines Nobelpreises würdig ist, sind wir Experten."








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