Mathematische Knobelei |
01.02.2008
Abi mit zwölf
Es ist schon wieder passiert – wir haben beim internationalen Vergleich in LIMA (Letztlich Irrelevante MAthematik) grauenswerterweise einen der hinteren Plätze belegt. Großes Wehgeschrei in den Medien, heftiges Deklamieren bei den Experten und allerortens der Untergang des Abendlandes. Ach ja, und natürlich wohldurchdachte Sofortprogramme aus den Ministerien. Das Abitur mit zwölf Jahren soll es richten. Ohne Abstriche bei den Inhalten, versteht sich.
Wir kommen nun zum Studienobjekt Mora. Mora ist sechs Jahre alt, hat die postnatale Station mit der Note "Potenzial vorhanden" bewältigt, in der Krabblergruppe durchaus zufriedenstellende Ergebnisse in Deutsch, Englisch, Französisch, Nordfriesisch und Kisuaheli erzielt, leichte Defizite in Alter Geschichte, Neuer Philosophie, Überalteter Vergleichender Mengenlehre und Betriebsinnovationstechnik erkennen lassen, dafür jedoch hervorragende Resultate in fraktaler Geometrie, Komplexligandenchemie und submolekularer Quantengenetik gezeigt. Anfängliche Schwierigkeiten beim Übergang in den temporalüberdehnten Grundschulunterricht der Klassen eins bis drei ließen sich durch milde Dosen präsynaptisch agierender Neurotransmittermodulatoren in eine Positivsteigerung der Informationsprozessionseffizienz überführen. Derzeit prüfen wir, ob ausreichend Lehrpersonal zur Verfügung steht, um Moras Schlafkonsum auf zwei Stunden pro Woche zu senken, womit sich der Zeitverlust durch Nahrungsaufnahme und -ausscheidung kompensieren ließe.
Die Klage der Eltern auf ein monatliches Besuchsrecht mit fünfzehnminütiger lernfreier Sozialzeit ist bereits mit Hinweis auf den dadurch zu erwartenden Fortschrittsausfall abschlägig entschieden worden. Mora wäre damit bereit, nach erfolgreichem Absolvieren der Promotionsselektion in die Grundstufe des beschleunigten Gymnasialverfahrens einzutreten. Wenn Sie keine Fragen mehr haben, können wir nun mit den Tests beginnen. Professor Chastig, mögen Sie anfangen?
Sehr gerne. Mora, zuerst eine ganz leichte Frage zur Mathematik: Wir denken uns vierstellige Zahlen, die wir ABCD nennen wollen. Sie haben die Eigenschaft, dass die Summe von C und D addiert zur Zahl AB (nicht zum Produkt) gleich der Zahl CD ist. Wie viele solcher Zahlen gibt es?
(Schweigen)
Mora, hast du die Frage verstanden?
Ja, hab ich.
Und warum antwortest du nicht?
Ich will einen Teddy.
Mora, das ist wichtig. Du musst antworten, sonst ist deine ganze weitere berufliche Karriere gefährdet.
Ich will einen Teddy!
Mora, weißt du vielleicht nicht die Antwort?
Doch!
Dann sag sie mir einfach.
Nur für einen Teddy!
Mora, sei nicht kindisch. Weißt du, wie viele solcher Zahlen es gibt oder nicht?
Ich weiß das, aber du nicht.
Ich nicht? Aber das ist doch lächerlich. Natürlich weiß ich es.
Weißt du nicht!
Mora, selbstverständlich kenne ich die Antwort. Ich habe schließlich die Frage gestellt. Und die Antwort steht auf dem gleichen Zettel auf der Rückseite … (leise) Warum steht denn da nichts?
Du weißt die Antwort nicht, aber ich! Schenk mir einen Teddy, und ich verrate sie dir.
Mora, so geht das Spiel nicht.
Geht es doch! Antwort gegen Teddy.
Mora, bitte … (intensives Flüstern) Kennt jemand von Ihnen die Lösung? Bitte schnell vorsagen. Das ganze Projekt 'Abitur mit zwölf' steht sonst auf der Kippe.
Teddy! Teddy! Teddy!
Das mathematische Problem stammt von Univ.-Prof. Dr. Gerd Baron und Dr. Richard F. Mischak. Weitere Aufgaben finden Sie auf den Seiten des Wettbewerbs
Jagd auf Zahlen und Figuren. Die erzählerische "Verpackung" gestaltete
Dr. Olaf Fritsche.
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Einsendeschluss ist der 14. Februar 2008.