Ein Spaziergang über die Brooklyn Bridge sei die "beste und wirkungsvollste Medizin, die meine Seele bisher genossen hat", meinte im späten 19. Jahrhundert der Dichter Walt Whitman – Brücken sind für den Menschen eben mehr als nur die schlichte Möglichkeit, von einem Ufer zum anderen zu gelangen. David Brown, selbst bei einer Ingenieursfirma tätig, befasst sich intensiv mit Brücken, stellt einhundert der bekanntesten und schönsten Brücken aus aller Welt vor, darunter fotogene Markenzeichen in Städten wie New York, San Francisco, Sydney, London, Venedig, Florenz oder Prag. Er liefert ausführliche Hintergrundinformationen zur Entstehungszeit, zu großen Baumeistern, Material und Maßen sowie zu wichtigsten technischen Errungenschaften.

"Faszination Brücken" beschreibt den langen Weg von der schlichten prähistorischen Klapperbrücke mit Trittsteinen im Flussbett oder einem simplen Baumstamm über einem Bach, den ersten Bogenkonstruktionen in Mesopotamien und ersten einfachen Hängebrücken in China über die Viadukte und Steinbrücken der Römer, bis hin zu spektakulären Hängebrücken wie der Brooklyn Bridge (1883), der Golden Gate Bridge (1937) oder der Tejobrücke in Portugal (1966) sowie modernen Hänge- und Schrägseilbrücken, wie jener über den Belt in Dänemark, das Millau-Viadukt in Frankreich, die Korinth-Brücke oder die geplante längste Hängebrücke der Welt über die Straße von Messina. Über 150 Farbbilder und instruktive Zeichnungen illustrieren hervorragend die kühnen Konstruktionen.

Abgesehen von einer vorausgeschickten Zeittafel gliedert sich das Buch in zwölf große, chronologisch angeordnete Kapitel von den Ursprüngen bis ins 21. Jahrhundert. Diese bestehen wiederum aus jeweils zweiseitigen Unterkapiteln, in denn es vor allem um Einzelbeispiele, Bautypen und wegweisende Errungenschaften geht. Zentrale Fragestellung ist, wie es den Architekten und Ingenieuren gelang, derart kühne und gewagte Projekte in ihrer Zeit zu realisieren – welche Voraussetzungen gegeben sein mussten und welcher Genialität Einzelner es bedurfte.

Mit dem Niedergang des Römischen Reichs war auch ein Verfall der Ingenieurskunst einhergegangen, und erst Anfang des 12. Jahrhunderts konnte man an frühere Meisterleistungen anknüpfen. Im Mittelalter entstanden vor allem in Frankreich und England, aber auch in Prag (Karlsbrücke) und Florenz (Ponte Vecchio) wegweisende Beispiele. Als wichtigen Schritt erwies sich der Einsatz von Eisen im Brückenbau, erstmals von Thomas Paine, Ende des 18. Jahrhunderts, ins Auge gefasst. Die industrielle Revolution förderte die Entstehung von Eisenbrücken, wie der Craigellachie-Brücke von 1815 in Nordschottland. Sie avancierten zur Bauaufgabe Nummer 1 und sind untrennbar mit Namen wie George Stephenson oder Isambard Kingdom Brunel verbunden.

Zunehmend begann im 19. Jahrhundert die "Neue Welt" im Brückenbau aktiv zu werden; auch hier waren es zunächst vor allem Eisenbahnbrücken: Charles Ellet konstruierte neu versteifte Hängebrücken über den Ohio River und den Niagara und ebnete den Weg für John Roebling und dessen legendäre Brooklyn Bridge. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts setzten sich dann Stahlbrücken durch. Hängebrücken, wie die in Williamsburg oder die George Washington Bridge in New York trugen dazu bei, die Vorrangstellung der USA beim Bau dieses Brückentyps zu festigen und sorgten für den Einfluss auf Bauwerke wie die portugiesische Tejobrücke.

Schon ab dem frühen 19. Jahrhundert wurde in England und Frankreich mit Beton experimentiert. Robert Maillart und Eugène Freyssinet setzten Eisenbetonplatten zur Brückenkonstruktion ein. In den 1950/60er Jahren kam der Spannbeton auf, und 1956 entstand aus Spannbetonplatten die 38 Kilometer lange Brücke über den Lake Pontchartrain in Louisiana. Die 1960er bedeuteten jedoch auch das Debüt der Schrägseilbrücken, ein Typ bei dem die Fahrbahn direkt durch gerade Kabel mit Stützmasten verbunden ist.

Beispiele für den Brückenbau des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind die 13 Kilometer lange Confederation Bridge zur Anbindung der Prince-Edward-Insel in Kanada wie die Calatravas-Alamillo-Brücke in Sevilla oder die Oresundbrücke zwischen Dänemark und Schweden. Im 21. Jahrhundert hält der Trend zu Designerbrücken aus neuartigen Materialien an, wie jene über den Golf von Korinth (2004) oder das französische Millau-Viadukt aus demselben Jahr belegen. Vor allem China könnte wegweisend werden, wie die 36 Kilometer lange Hangzhou-Bay-Transoceanic-Bridge zeigt, die 2008 fertiggestellt werden soll.

Browns Werk ist ein hervorragendes Buch mit schönen Fotos aus teils ungwöhnlichen Perspektiven, bei dem lediglich manchmal der rote Faden angesichts einer Überfülle an Material verloren zu gehen scheint. Gelegentlich wird es etwas verwirrend, wenn sich einzelne Kapitel in bestimmten Punkten überschneiden. Spielerisch hantiert der Autor mit Begriffen wie Stahlausleger-, Hänge-, Schrägseil-, Stabbogen-, Fachwerk- oder Bogenbrücke und bringt verschiedene Materialien und Materialkombinationen, Konstruktionsformen und Techniken ins Spiel – was gelegentlich für Verwirrung beim technisch weniger versierten Leser sorgt. Zum Glück gibt es immer wieder erläuternde Zeichnungen und zum Nachschlagen am Ende ein Glossar.