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Mathematische Knobelei | 03.03.2006
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Anregendes Bettgeflüster

 
Man soll ja nicht in Schubladen denken. Obwohl bei manchem Zeitgenossen das Gehirn erst so richtig auf Touren kommt, wenn er es sich im Mobiliar bequem gemacht hat. Was geht einem nicht alles durch den Kopf, sobald man am Abend eines anstrengenden Tages endlich gemütlich im Bett liegt. Ob die Kinder in der Schule gut mitkommen. Welches Ziel der nächste Urlaub haben sollte. Wie man den Kurzbesuch von Tante Hedwig zum dritten Mal unauffällig um ein paar Wochen verschieben könnte. Tausend Dinge eben. Nur die Frauen, die denken mal wieder immer nur an das Eine...
"Du Schatz..."
Die Worte sind eher gehaucht als gesprochen. So, als wolle sie mich nicht wecken, für den Fall, dass ich bereits eingeschlafen sein sollte. Bin ich noch nicht. Hätte aber sein können, und würde ich auch gerne. Aber allem vorsichtigem Gehauche zum Trotz ist mir natürlich völlig klar, dass diese Rücksicht nur zum Schein ist. Sozusagen rhetorisch.
"Du Schatz, weißt du, woran ich gerade denken musste?"
Weiß ich nicht, will ich eigentlich gar nicht wissen, aber ich habe es doch gewusst: Auf ein "Du Schatz" folgt mit gnadenloser Zuverlässigkeit ein schon deutlich weniger gehauchter zweiter Anlauf mit ersten Ansätzen von Konkretisierung.
Ich stelle mich tot. Auf Wehrlose einzureden, ist laut Genfer Konventionen international geächtet. Sollte es zumindest sein. Doch wer kontrolliert so etwas schon in privaten Schlafgemächern? Nie ist ein Lauschangriff da, wenn man einen braucht.
"Ich habe nämlich heute beim Einkaufen die Frau Schulze getroffen. Die von schräg gegenüber, die beim Einparken immer gegen den Mülltonnenbehälter schrammt."
Weia! Ausgerechnet ein Frau-Schulze-Gedanke. Die Nacht ist gelaufen. Ich werde nicht genug Schlaf kriegen, und morgen fallen mir auf dem Bau ständig die Ziegelsteine auf die Füße. Warum musste es nur Frau Schulze sein?
"Sie hat sich einen neuen Lackstift gekauft, um die Kratzer auf dem Lack zu übermalen. Aber die hatten nicht mehr das richtige Blau, deshalb hat sie Dunkelgrün genommen. Ich bin mir ja nicht sicher, ob das aussieht."
Ich fange an, Schafe zu zählen. Mit voller Konzentration auf die Hürde, über welche die Lämmer blökend springen.
"Na jedenfalls hat die Frau Schulze mir erzählt, sie würde gerade an einem regelmäßigen Achteck arbeiten, das einen Flächeninhalt von 100 Einheiten hat. Das musste sie mit Geraden unterteilen, die jeweils von einer Ecke zur überübernächsten Ecke geführt haben. Und dadurch hat sich ein zweites Achteck in der Mitte ergeben."
In Gedanken statte ich die Schäfchen mit Kettensägen aus und lasse sie Bäume fällen. Der innere Lärm schützt besser gegen Signale von außen, und man muss mehr Acht geben wegen der querstürzenden Bäume. Schafe sind keine übermäßig disziplinierten Baumfäller.
"Also, ich fand das ungeheuer spannend. Gerade Achtecke haben mich schon immer fasziniert."
Die Schafe haben aufgegeben. Wütend meckernd sind sie aus meinem Bewusstsein entschwunden. Gegen derartig typische Frauenthemen konnten sie auch mit Kettensägen nicht ankommen. Ich hätte sie in meiner Verzweiflung gerne noch mit Flammenwerfern jonglieren lassen, doch meine Verteidigung war bereits achteckig kollabiert.
"Nur, weißt du, was komisch ist? Die Frau Schulze hat gesagt, dass es mit diesem inneren Achteck Probleme gibt."
Ich kapituliere vor Frau Schulze und ihren geometrischen Sorgen. Ohne auf Widerstand zu stoßen, hämmern sich die Worte in mein verzweifelt nach Schlaf heischendes Hirn.
"Sie hat es nicht geschafft, dessen Fläche zu bestimmen. Ist das nicht seltsam?"
Manchmal frage ich mich, was diese Frau Schulze eigentlich arbeitet.
"Ich überlege, ob ich das Thema beim nächsten Gemeinderatstreffen ansprechen soll. Ich meine, das geht uns doch schließlich alle an. Da darf man nicht tatenlos zusehen."
Vielleicht sollte man einfach eine Nacht drüber schlafen, geht es mir durch den Kopf.
"Ja, das werde ich machen. Gleich am Dienstag. Ja. Ach, es tut so gut, dass ich mit dir über alles reden kann und wir alles miteinander ausdiskutieren und gemeinsam eine Lösung finden. Gute Nacht, Schatz!"
Gute Nacht! Aber ich vermute, sie ist inzwischen längst eingeschlafen. Das geht bei ihr ja immer schnell. Sogar nach so einem Blödsinn wie dieser Geschichte mit den Achtecken. Erinnert mich irgendwie an unsere Terrasse. Die ist doch auch achteckig. Ich könnte in der Mitte ein paar Platten rausnehmen, sodass es ein kleineres Achteck gibt, und da Blumen reinsetzen. Narzissen, die sehen im Frühjahr so schön aus. Und Lavendel, der duftet so wunderbar. Am besten, ich mache mich gleich morgen an die Arbeit. Vielleicht leiht mir die Frau Schulze eine Skizze. Erde besorge ich nach Feierabend im Gartencenter. Wie viel ich wohl brauchen werde? Kommt auf die Fläche an. Die müsste ich schon wissen. So ein Mist, wie groß ist denn die Fläche des mittleren Achtecks? Wäre nicht schlecht, wenn ich das noch wüsste. Damit ich endlich auch einschlafen kann. Wo ich doch so hundemüde bin...
 
 
Das mathematische Problem stammt von Univ.-Prof. Dr. Gerd Baron und Dr. Richard F. Mischak. Weitere Aufgaben finden Sie auf den Seiten des Wettbewerbs Jagd auf Zahlen und Figuren. Die erzählerische "Verpackung" gestaltete Dr. Olaf Fritsche.
 
Wäre wirklich nicht schlecht zu wissen, wie groß das Achteck inmitten des Achtecks ist - schließlich sollen sich Lavendel und Narzissen gemütlich den Raum teilen können. Helfen Sie und Schreiben Sie uns! Entweder per E-Mail an knobelei@wissenschaft-online.de oder postalisch an:

Wissenschaft Online GmbH
Stichwort: Mathematische Knobelei
Postfach 10 59 80
D-69049 Heidelberg

Einsendeschluss ist der 23. März 2006.
 
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