Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die steht der Mensch nur unter dem Einfluss von Drogen durch. Kinder zum Beispiel. Nicht umsonst pumpt die Natur den Körper der Eltern mit Endorphinen voll, tränkt jede Zelle des Organismus in glückselig machende Substanzen. Pech für Onkel und Tante, dass sie nicht an dem Rausch beteiligt sind, dafür aber die Nebenwirkungen mitgenießen dürfen.
Das Wochenende begann wie jedes Chaos: unauffällig. Die Sonne erklomm nichts ahnend den Osthimmel, der Kaffee tröpfelte friedlich in seine sprunglose Kanne, das Zwergkaninchen hielt sich weiterhin für den Boss in der Wohnung und verlangte zum Frühstück frischen Löwenzahn. Und doch war dieses Wochenende ein besonderes. Wir wollten den kleinen Wirbelwind für ein paar Tage zu uns holen.
Drum hüpften die geduldigste Ehefrau von allen und ich frohen Muts in den Dienstwagen, für dessen Innenraumreinigung die Angestellte selbst verantwortlich ist, folgten frisch der Autobahn, erwischten die richtige Abfahrt, fanden einen freien Parkplatz in fast der nächstgelegenen Straße und klingelten wenige Minuten später an der Tür von Mama, Papa und abzuholendem Töchterchen. Große Freude, viel Umarmung, herzliches Hallo, vor allem von und mit den neunjährigen knappen ein Meter dreißig.
Kleine Taschenkontrolle, ob auch alles da ist (Zahnbürste, Schwimmflügel, Lieblingsteddy...), Kinderfahrrad in den Kofferraum, Kindersitz auf die Rückbank, oben drauf fröhliches Gezappel, ich zur Kontrolle daneben, die ruhigste Ehefrau von allen am Steuer, Abfahrt, Winken und an der Ecke: "Ich hab' Hunger!"
Kleinigkeit, denn die fürsorglichste Ehefrau von allen hatte vorgesorgt und Knabbereien eingepackt: Erdnuss-Flips. Nun ist das Öffnen dieser allseits rundum verschweißten Tüten schon mit dem funktionalen Werkzeug einer wohl sortierten Hobbybastlerwerkstatt eine diffizile Aufgabe - in den Ruckzuck-Händen eines Ich-will-da-ran-Kindes löst sich das Problem durch kräftiges Zusammenpressen der Tüte mit dadurch ansteigendem Innendruck und folgender explosiver Relaxation in Bruchteilen von Erwachsenen-Sekunden. Nie wieder Erdnuss-Flips im Auto!
"Ich hab' Durst!" war leicht vorherzusehen. Ebenso das ablehnende Nasenrümpfen beim Anblick von Saft, Apfelschorle, Eistee oder anderen Fluiditäten, die nicht in einer weiteren Tüte versiegelt waren, welche mit einem dafür völlig ungeeigneten Strohhalm zu durchstechen ist. Ein Pieks ins Auge, lautes Weinen, Naseputzen, Abwischen des Zuckersaftes von Kleid und Sitz - die abgestandene Brühe mit Cola-Aroma hatte offenbar doch einen Weg in die Freiheit gefunden.
Zu dritt haben wir am Rande der Landstraße völlig neue Möglichkeiten zum Austreten entdeckt, bei einer Gelegenheit beinahe das Fahrrad vergessen, das irgendwie den Kofferraum ohne Öffnen desselben verlassen hatte, und trotz intensiver Überwachung einen Fußabdruck an der Decke des Autos produziert, exakt über der Sitzposition des Nachwuchses, der damit selbstverständlich in keinem ursächlichen Zusammenhang stand. Schließlich war das Ziel ohne Vorwarnung erreicht.
Es folgte die Übergabe der Controller-Funktion: Die pädagogischste Ehefrau von allen übernahm die spielerische Beschäftigung - nachdem das Kaninchen durch panisches Fluchtverhalten deutlich sein Missfallen an der Zwangsfütterung mit einer Monatsration Löwenzahn zum Ausdruck gebracht hatte. Somit waren die Fragen geklärt, warum es im Supermarkt keine Kaninchen-Stopfleber zu kaufen gibt und wer hier für die kommenden Tage die neue Nummer eins in der Familienhierarchie ist.
Ich selbst war für das Abendessen zuständig und konnte dem Geschehen daher nur noch akustisch folgen. Offenbar waren die virtuellen Hüpfhelden unseres alten Computers im Einsatz, unschwer zu erkennen an der charakteristisch monotonen Motivationsmelodie - nur gelegentlich unterbrochen durch die Stimme der sprungfreudigsten Ehefrau von allen: "Nicht den Joystick in den Mund stecken ... auch nicht in die Nase!"
Selbstverständlich hat das gestern noch ganz oben auf der Hitliste stehende Essen inzwischen einen tiefen Fall in die Ich-mag-das-nicht-Kategorie erlebt und dementsprechend nicht geschmeckt. Anstelle der Zähne bekamen erwartungsgemäß die Badewanne, die Waschmaschine und das in einem ganz anderen Raum am gegenüberliegenden Ende der Wohnung befindliche Telefon die Zahnpasta mit Glitzersternchen ab, und auf die passende Gute-Nacht-Geschichte einigten wir uns innerhalb von nur 54 Minuten und 37 Sekunden, was einen neuen Rekord darstellte.
Alles in allem also ein völlig normaler Start ins Wochenende für Onkel und Tante mit Leihkind. Nur über eines wunderten sich die kompetenteste Ehefrau von allen und ich: Wann hatte der kleine Racker nur die ganzen Nullen auf den durchlaufend nummerierten Schildern unserer Bibliothek ausgefüllt? Von 1 bis 2.000 hatte jeder Band seine Zahl - und jede Null war fein säuberlich mit Filzstift zu einem dicken Punkt umdekoriert worden. Nach dem Survival-Wochenende wird da ein Austausch der Etiketten notwendig. Wie viele müssen ersetzt werden? Und wäre es eine gute Idee, für jede Ziffer ein einzelnes Etikett zu nehmen und diese zu kombinieren, statt die ganzen Zahlen auf jeden Aufkleber zu setzen? Für den Fall, dass Madame zur Wiederholungstäterin wird, meine ich. Denn so viel steht jetzt schon fest: Nächsten Monat werden wir sie wieder zu Besuch holen!
Das mathematische Problem stammt von Univ.-Prof. Dr. Gerd Baron und Dr. Richard F. Mischak. Weitere Aufgaben finden Sie auf den Seiten des Wettbewerbs Jagd auf Zahlen und Figuren. Die erzählerische "Verpackung" gestaltete Dr. Olaf Fritsche.
Naja, ein verzeihlicher Etikettenschwindel durch einem charmanten kleinen Schwindler - der ist mit Ihrer Hilfe bestimmt schnell behoben. Schreiben Sie uns ihre Lösung! Entweder per E-Mail an knobelei@wissenschaft-online.de oder postalisch an:
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