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Mathematische Knobelei | 06.07.2003
» zur Lösung

Präsidentenwahl mit Restrisiko

 
Haben Sie schon einmal etwas von dem Land Mathemazumbien gehört? Wohl kaum. Es ist wirtschaftlich unbedeutend und so winzig, dass es selbst auf guten Karten von Südamerika praktisch zwischen seinen riesigen Nachbarn verschwindet. Lediglich unter Politikwissenschaftlern mit dem Schwerpunkt Staatstheorie erfreut sich dessen Hauptstadt Infinito eines gewissen gruseligen Bekanntheitsgrades. Denn in Mathemazumbien gibt es bis zum heutigen Tage eine weltweit einmalige Regierungsform: die demokratische Diktatur.
Die wesentlichen verfassungsrechtlichen Gründzüge einer demokratischen Diktatur sind schnell erklärt: Nach dem Ableben seines bisherigen Präsidenten wählt das Volk einen neuen Despoten, der fortan ohne hindernde Gängelung durch Gesetze oder gar Menschenrechte nach eigenem Ermessen die Geschicke des Staates und seiner diversen persönlichen Bankkonten lenkt. Selbstverständlich ist die Amtsdauer auf Lebenszeit festgesetzt. Doch genau an dieser Stelle greift in Mathemazumbien ein zweites plebiszitäres Element regulierend ein: Wann die Lebenszeit des Diktators abgelaufen ist, bestimmt wiederum die Bevölkerung bei Bedarf per allgemeiner, freier und geheimer Abstimmung. Noch am Abend des Urnenganges findet im Rahmen einer vom staatlichen Fernsehsender Los Ballermannos übertragenen Show gegebenenfalls die endgültige Enthebung von allen Regierungsgeschäften und Angelegenheiten des irdischen Lebens statt, gefolgt von der Vorstellung aller Kandidaten für die Präsidentenwahl am nächsten Morgen.

Bedingt durch den relativ häufigen und mitunter recht kurzfristig erfolgenden Wechsel der Staatsführung mussten die traditionellen Rituale einer klassischen Diktatur in Mathemazumbien gewisse Anpassungen über sich ergehen lassen. So sind beispielsweise die obligatorischen Statuen des Präsidenten auf öffentlichen Plätzen, Parks und in den Eingangshallen der Kaufhäuser mit Schraubgewinden ausgestattet. Dadurch genügt es nach der Wahl des neuen Diktators, die Köpfe auszutauschen, statt die gesamten Statuen einschmelzen und neu gießen zu müssen. Für Plakate, Mosaike und gerahmte Bilder verteilt die staatseigene Druckerei El Printo kostenlos genormte Aufkleber mit dem Gesicht des gerade amtierenden Despoten. Darstellungen in Schulbüchern, auf CD-ROMs sowie Wandteppichen, die nur mit beträchtlichem Aufwand zu verändern oder vom Markt zu nehmen wären, dürfen den Diktator lediglich von hinten oder mit einer Papiertüte über dem Kopf zeigen.

Der Wahlvorgang selbst ist ein feierlicher Akt, dessen Regelwerk die Mathemazumbianer peinlich genau einhalten. Der Grund für diese ansonsten in Infinito unübliche Akribie ist vermutlich in einem Vorfall aus den 70er Jahren zu sehen, als ein vor allem bei der weiblichen Bevölkerung sehr beliebter Diktator von einem eifersüchtigen Mitarbeiter des Fernsehsenders vor Beendigung der Stimmauszählung abgesetzt wurde. Wegen der Irreversibilität dieses Vorgangs ließ sich der Fehler damals nicht mehr rückgängig machen. Seit diesem bedauerlichen Ereignis obliegt die Aufsicht über die Abstimmung den Kandidaten für das eventuell freiwerdende Präsidentenamt. Sollte jemand dabei einer Ungenauigkeit überführt werden, die ihn rein zufällig zum neuen Diktator macht, wird zur Korrektur sofort ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eingeleitet - eine äußerst motivierende Maßnahme, die sich in der Praxis sehr bewährt hat.

Da viele Einwohner Mathemazumbiens nicht lesen, sehr wohl aber gut mit Zahlen umgehen können, erfolgt die Registrierung für die Wahl nach einem Nummernsystem. Jedem Wahlberechtigten ist eine zehnstellige Zahl zugewiesen, die in drei Blöcke gegliedert ist. Jede Ziffer von 0 bis 9 kommt genau einmal in der Zahl vor. Der erste sowie der zweite Block bestehen aus jeweils drei Ziffern, der dritte Block aus vier Ziffern. Der erste Block gibt den Wahlbezirk an. Von links nach rechts gelesen werden die Ziffern in ihm immer kleiner. Aus dem zweiten Block erfährt der Mathemazumbianer, in welchem Raum er wählen soll. Auch hier sind die Ziffern in absteigender Größe geordnet. Der dritte Block enthält schließlich eine individuelle Zahl, in der die Reihenfolge der Ziffern nicht durch eine Regel festgelegt ist. Gegenwärtig entspricht die Anzahl der Wahlberechtigten genau den möglichen Zahlenkombinationen, die nach dem beschriebenen Regelwerk möglich sind.

Wenn Sie gerade Präsident von Mathemazumbien wären und Sie wenigstens 50 Prozent plus eine Stimme auf Ihrer Seite haben müssten (eine Wahlbeteiligung von 100 Prozent angenommen), um eine neue Amtsperiode zu erleben - wie viele Wähler müssten sich dann mindestens zu Ihren Gunsten entscheiden? Denken Sie gut nach! Sie wissen ja, worum es geht...
 
Das mathematische Problem stammt von Univ.-Prof. Dr. Gerd Baron und Dr. Richard F. Mischak. Weitere Aufgaben finden Sie auf den Seiten des Wettbewerbs Jagd auf Zahlen und Figuren. Die erzählerische "Verpackung" gestaltete Dr. Olaf Fritsche.
 
Na, wissen Sie, wie viele Stimmen Sie für eine absoulute Mehrheit brauchen? Dann schreiben Sie an knobelei@wissenschaft-online.de, oder an:

Wissenschaft Online GmbH
Redaktion
Stichwort: Mathematische Knobelei
Postfach 10 59 80
D-69049 Heidelberg

Einsendeschluss ist der 27. Juli 2003.

Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir fünfmal das Buch "Gedankenexperimente" von Henning Genz.

Wir wünschen Ihnen wie immer viel Erfolg und Glück!

Die Redaktion
 
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