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NaKlar! | 24.05.2002

Warum bekommt man in besonders bewegenden Momenten eine Gänsehaut?

fragt  Maria Klapper  aus  Lemgo
Ein Musikstück kann sie genauso auslösen wie der Anblick einer Spinne: die Gänsehaut. Wie und warum unser Äußeres soviel über unser Inneres verrät, erklärte uns Uwe Gieler von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Giessen.
Gefühle des Menschen zeigen sich häufig über Hautveränderungen, auch wenn wir bis heute nicht ganz genau wissen, wie die Gefühle in die Haut kommen. Die Gänsehaut entsteht durch die Kontraktion eines kleinen Haarbalgmuskels in der Haut, der die überall vorhandenen, teilweise fast unsichtbaren Haare - die so genannten Lanugo-Haare - aufrichtet.

Dabei kommt es zu einem leichten Anschwellen der oberen Haut, der Epidermis, die dadurch kleine Erhebungen, die so genannten Papeln, ausbildet. So wird die Oberfläche der Haut vergrößert und die in Stresssituationen notwendige Schweißabgabe gesteigert. Man spürt deshalb bei der Gänsehaut meist eine leichte Kälte.

Der Volksmund spricht dann von der Gänsehaut, weil sie der einer gerupften Gans ähnelt. Die nervliche Anregung dieses Muskels kommt durch winzige Nervenleitungen zustande, die über Nervenbotenstoffe (Neuropeptide) erregt werden und dadurch das Phänomen auslösen. Die Nervenleitungen wiederum sind direkt über das Rückenmark und das zentrale Nervensystem mit unserem Gehirn verschaltet, sodass Erregungen hier in die Haut geleitet werden.

Gerade bei der Gänsehaut handelt es sich um ein nicht willkürlich auslösbares Phänomen, sondern um eine eher unbewusste beziehungsweise nur vegetativ steuerbare Erscheinung, die allerdings auch durch physikalische Reize wie Kälte oder Elektrizität auslösbar ist.

Wie es dazu kommt, dass Emotionen und Affekte diese Nervenbahnen aktivieren, ist bisher noch nicht erforscht; obwohl das Phänomen jeder kennt! Die Gänsehaut kann auch durch einen zarten Windhauch, die jene Lanugo-Haare in Bewegung versetzt, angeregt werden. Dabei spielen auch genetische Faktoren eine Rolle, da nicht alle Menschen zu solchen Reaktionen neigen. Im wahrsten Sinne des Wortes "dickhäutige" Menschen neigen nämlich nicht dazu, eine Gänsehaut zu entwickeln.

Die Gänsehaut ist jedoch ein schönes Beispiel für die schon in der Embryonalentwicklung des Menschen festgelegte enge Verbindung zwischen dem zentralen Nervensystem und der Haut durch ein gemeinsames Keimblatt, das Ektoderm. Ähnlich wie die Gänsehaut kommt auch das Erröten durch Scham und andere Affekte zustande, wobei statt der Kontraktion des Haarbalgmuskels beim Erröten die kleinen Hautgefässe sich erweitern und dadurch das Erröten auslösen. Beide Phänomene sind aber direkt durch emotionale Reaktionen beeinflussbar.

 
Uwe Gieler
Der Autor ist Professor und Facharzt für Haut- und Geschlechskrankheiten und für Psychotherapeutische Medizin an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Justus-Liebig-Universität Giessen. Hier leitet er einen Bettenbereich für Menschen mit psychischen Problemen durch Hautkrankheiten.
 
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