Ian Stewart
Professor Stewarts mathematisches Kuriositätenkabinett
Rowohlt, Reinbek
ISBN: 3498064118
Dieses Buch können Sie im Science-Shop für 24,95 € (D), 25,70 € (A) kaufen. »
Ian Stewart ist Englands bekanntester und beliebtester Mathematikprofessor. Er wurde 1945 in Folkstone geboren und ist Direktor des Mathematics Awareness Center an der University of Warwick. Stewart hat in zahlreichen Büchern und Artikeln Themen der Mathematik unterhaltsam und spannend dargestellt. 1995 erhielt er die Michael Faraday Medaille der Royal Society für seine Beiträge zur Popularisierung der Wissenschaften.
Professor Stewarts mathematisches Kuriositätenkabinett
Rowohlt, Reinbek
ISBN: 3498064118
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"Mit 14", schreibt Stewart im Vorwort seines Buchs, "begann ich, ein Notizbuch zu führen. Ein Mathe-Notizbuch. ( ) In dieses Notizbuch schrieb ich all die interessanten Sachen, die ich über Mathematik finden konnte und die nicht in der Schule gelehrt wurden. Und das war, wie ich rasch herausfand, eine ganze Menge, denn ich musste mir bald das nächste Notizbuch besorgen." Aus zwei Notizbüchern wurden schließlich sechs, dann stieg er auf Ordner um, die inzwischen eine ganze Reihe in seinem Bücherregal füllen.
Aus den Notizbüchern und Ordnern hat Stewart nun die schönsten Kuriositäten ausgewählt und zu seinem "mathematischen Kuriositätenkabinett" zusammengestellt. Es gibt darum kein durchgängiges Thema und keine Unterteilung in Kapitel, sondern nur ein Sammelsurium aus fast 200 vertrackten mathematischen Rätseln, hübschen Spielereien, kleinen Geschichten, Fakten und mathematischen Scherzen. Von einigen kurzen Serien einmal abgesehen, stehen die Kabinettstücke kunterbunt durcheinander und können in beliebige Reihenfolge gelesen werden, was das Buch ideal zum Schmökern macht. Manche der Kuriositäten sind sehr bekannt, aber viele waren bisher tief in der Fachliteratur versteckt, so dass auch gute Kenner der Unterhaltungsmathematik noch viel Neues in Stewarts Buch entdecken werden.
Hier ist ein kleine Kostprobe: Gestern fragte sich Vater plötzlich, welchen Tag der Woche wir eigentlich haben. "Immer wenn wir Ferien haben, vergesse ich das", meinte er. "Freitag", antwortete Darren. "Samstag!", widersprach ihm seine Zwillingsschwester Delia. "Welchen Tag haben wir denn morgen?", wollte die Mutter wissen, die den Disput mit möglichst wenig Aufwand schlichten wollte. "Montag", erwiderte Delia. "Dienstag", widersprach Darren. "Herrgott nochmal! Welchen Tag hatten wir denn dann gestern?" – "Mittwoch", antwortete Darren. "Donnerstag", entgegnete Delia. "Grrrrrrr!" Mutter zeigte ihre berühmte Marge Simpson Imitation. "Jeder von euch hat eine richtige und zwei falsche Antworten gegeben." Welcher Wochentag ist heute?
Das Buch hat aber auch einige deutliche Schwächen. Stewarts Erläuterungen zur Geschichte der Rätsel und Kuriositäten seines Buches sind mit sehr viel Vorsicht zu genießen. So behauptet er beispielsweise, dass Alkuin von York das berühmte Rätsel vom Wolf, der Ziege und dem Kohlkopf Karl dem Großen in einem Brief gestellt habe. Davon ist aber den Historikern nichts bekannt. Vielmehr stammt das Rätsel aus einem anonymen Manuskript des 9. Jahrhunderts mit dem Titel "Propositiones ad acuendos iuvenes", das allerdings traditionell Alkuin zugeschrieben wird. Bei einem anderen Beispiel liegt er mit seiner Zeitangabe um ganze 2000 Jahre daneben. Der sagenhafte chinesische König Yu, während dessen Herrschaft das Lo Shu entdeckt worden sein soll, soll nicht erst, wie Stewart schreibt, im dritten vorchristlichen Jahrhundert, sondern bereits um 2200 v. Chr. gelebt haben.
Andere Schwächen des Buchs sind nicht dem Autor, sondern dem Übersetzer und dem Rowohlt-Verlag anzulasten. Bei magischen Quadraten – also Zahlenquadraten, bei denen die Summe der Zahlen in jeder Zeile, jede Spalte und der beiden Diagonalen gleich groß ist – erfolgen mehrfach Seitenumbrüche mitten durch die Quadrate. Dadurch werden sie natürlich völlig unlesbar. Bei dem Mathematikerscherz Leuteraten wird durch die ungenaue Übersetzung sogar die Pointe völlig verdorben. "Es gibt zehn Arten von Leuten auf der Welt: diejenigen, die das binäre System verstehen, und die, die es nicht verstehen." Im englischen Original steht dort statt des Zahlwortes "zehn" (ten) die Ziffernfolge 10, die durch ihre Doppeldeutigkeit den Witz ausmacht: Im Dezimalsystem bedeutet sie natürlich zehn, aber im Binärsystem hat sie den Wert zwei.
Selbst der Titel des Buches ist ungeschickt gewählt. Im Deutschen bezieht sich ein Adjektiv, das vor einem Doppelnomen steht, grundsätzlich auf den zweiten und nicht auf den ersten Teil des Nomens. Ein warmer Würstchenverkäufer ist darum kein Verkäufer warmer Würstchen. Somit ist auch ein mathematisches Kuriositätenkabinett keineswegs ein Kabinett mit mathematische Kuriositäten wie im englischen Original ("Professor Stewart's Cabinet of Mathematical Curiosities"), sondern ein kurioses mathematisches Kabinett.
Trotz dieser vielen kleinen Schwächen ist das Buch aber unbedingt empfehlenswert und auch für Menschen geeignet, die nur noch mit Schrecken an den Mathematikunterricht ihrer Schulzeit zurückdenken.


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