Mit einem Alter zwischen 1,95 und 1,78 Millionen Jahren fällt der Neufund Australopithecus sediba genau in die kritische Phase: Die Australopithecinen hatten ihre große Zeit hinter sich, während anderswo schon erste Frühmenschen die Landschaft durchstreiften.
Der Schädel "U.W. 88-50 (MH 1)" – Kernstück des Holotyp-Skeletts, das zur Definition der neuen Art Australopithecus sediba dient
Wiege der Menschheit
Der Fundort ist Teil der fossilienreichen UNESCO-Weltkulturerbestätte "Wiege der Menschheit"(Cradle of Humankind), in der Forscher regelmäßig Hominiden-Funde machen. So auch jetzt – je nach Zählweise – Nummer 9 der bislang bekannten Australopithecus-Arten. Wie "Lucy", ein Australopithecus afarensis, gehört der Neufund klar zu den so genannten grazilen Australopithecinen. Anders als ihre robusten Pendants hatten sie sich nicht auf das Zermahlen hartschaliger Pflanzenkost spezialisiert. Sie setzten ihren Kopf offenbar nicht als Gestell für eine überdimensionierte Kaumuskulatur ein, sondern mitunter auch zu einem fortschrittlicheren Denken: Vielleicht hatten sie mit ihrem schlankeren Körperbau und dem vermutlich breiter gefächerten Speiseplan am ehesten Grund, zur Nahrungsbeschaffung auf das ein oder andere improvisierte Werkzeug zurückzugreifen.
Deshalb halten es die meisten Wissenschaftler für wahrscheinlich, dass sich aus ihrer Mitte die Linie abspaltete, die schließlich zum modernen Menschen führte. Die Frage ist nur: Wo? Hier könnte A. sediba Aufschluss geben, meint Entdecker Berger: "Ich glaube, dass er ein guter Kandidat für eine solche Übergangsform sein könnte."
Von ihren Skelettmerkmalen her ähnelt die neue Art am ehesten dem Australopithecus africanus, der beispielsweise durch das Taung-Kind und den "Mrs. Ples" getauften Schädel belegt ist. Die Lebensdauer dieser Art verorten Wissenschaftler irgendwo im Zeitraum von vor zweieinhalb bis drei Millionen Jahren. Der deutlich jüngere A. sediba könnte daher ein schon ein wenig weiter entwickelter Nachfahre sein.
Moderne Merkmale
Denn beide Arten unterscheiden sich in einigen entscheidenden Punkten, die die Autoren der Studie mit systematischen Skelettvergleichen ausbuchstabieren. Bergers Neufund trug beispielsweise ein Gesicht, dessen Merkmale auf einen noch grazileren Kauapparat hindeuten, hatte kleinere Zähne und ein Becken, das noch stärker dem zweibeinigen Gang angepasst zu sein scheint. Genau diese Merkmale rücken ihn, mehr als jeden anderen bekannten Australopithecus, an die Gattung Homo – wenn auch nur ein Stückchen.
Mit seinen kräftigen Händen, eher kurzen Beinen und langen Armen dürfte der knapp 1,20 Meter große Vormensch wie seine Vorgänger Lucy und Co. immer noch einen guten Teil seines Lebens auf Bäumen verbracht haben. Auf dem Erdboden könnte ihm allerdings sein menschenähnlicheres Becken womöglich bereits das Rennen gestattet haben. Bergers Folgerung klingt also plausibel: Aus der Verwandtschaft A. sedibas entwickelte sich die erste Art der Gattung Homo, möglicherweise Homo habilis, H. rudolfensis oder Homo erectus – beziehungsweise deren Vorfahren.
Problematisch an diesem Szenario ist – wie der Forscher und seine Kollegen selbst einräumen –, dass zu Lebzeiten ihrer beiden Individuen bereits Vertreter der Gattung Mensch in Ostafrika aufgetaucht waren. Existierte also die "archaischere" Variante des A. sediba noch eine Zeit lang, während sich bereits ein weiterer Zweig in Richtung Mensch abgespalten hatte? Die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen A. sediba und den frühen Menschen würden sich leider nicht präzise genug festmachen lassen, folgern die Wissenschaftler.
Zu wenig Hirn
Gerhard Weber, Paläoanthropologe von der Universität Wien, sieht noch ein weiteres Problem für die Deutung Bergers: "Das Anwachsen des Schädelvolumens gilt immer noch als deutlichster Hinweis auf eine Entwicklung zum Menschen. Der jetzt gefundene Australopithecus hatte aber ein viel zu kleines Gehirn, um in ihm einen direkten Vorfahren des Menschen sehen zu können." Gerade in diesem wichtigen Punkt sei A. sediba eben keine moderne Weiterentwicklung.
Mit einem Volumen von 420 Kubikzentimetern fällt es deutlich gegenüber dem von H. habilis (631 Kubikzentimeter) oder H. rudolfensis (751 Kubikzentimeter) ab. Selbst die vermeintliche Vorgängerspezies, der A. africanus, hatte ein leicht größeres Gehirn. Dass der jetzt gefundene Jugendliche noch nicht ausgewachsen war, spiele keine Rolle, sagt Weber: Wäre er älter geworden, hätte sich das Volumen nur noch sehr geringfügig verändert.
Überhaupt sei ungeklärt, inwiefern die südafrikanischen Australopithecinen an der Menschwerdung beteiligt waren, zumal Fossilien der ersten Vertreter der Gattung Homo im Osten des Kontinents auftauchten. Aber auch wenn er Bergers Hypothese nicht teile, "darf man den Fund trotzdem nicht klein reden", meint Weber. Dass die grazilen Australopithecinen lange nach ihrer Hochphase vor drei Millionen Jahren neben den ersten Frühmenschen lebten, sei eine überraschende Erkenntnis. Vor allem aber lasse der Fund den Schluss zu, dass derselbe Entwicklungsgang, den unsere direkten Vorfahren in puncto Kauapparat und Zweifüßigkeit nahmen, parallel von anderen Arten beschritten wurde.
Weites Land mit Höhlen: Ein Blick von dem höchstgelegenen Grat bei der Sediba-Grabung in Richtung Johannesburg präsentiert sich uns heute wohl ganz ähnlich wie den Vormenschen vor rund zwei Millionen Jahren. Wahrscheinlich war die Vegetation einst aber noch etwas dichter und die Schluchten weniger tief eingeschnitten.
Gefangen in der Todesfalle
Paul Dirks von der James Cook University im australischen Townsville und Kollegen haben in einer zeitgleich mit Berger veröffentlichten Studie die Datierung des Funds besorgt und anhand von Höhlensedimenten und Begleitfossilien die damalige Umwelt rekonstruiert [2]. Tatsächlich durchstreifte ihren Ergebnissen zufolge A. sediba einst eine Umgebung, die "in vielerlei Hinsicht der heutigen entsprach", erläutert Dirks. Allerdings habe es damals noch mehr Wald gegeben.
Neben den beiden Vormenschen entdeckte das Grabungsteam auch die Knochen 25 weiterer Arten, darunter ein Wildpferd, Säbelzahntiger, Hyänen und Antilopen. Wasserstellen in der Malapa-Höhle könnten immer wieder Tiere angezogen haben. Für einige von ihnen geriet das mehrere zehn Meter tiefe Loch schließlich zur Todesfalle.






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