Mit dem Bus wird Juri Gagarin zur Startrampe
seines Raumschiffs "Wostok 1" gefahren.
Hinter ihm sitzt der Ersatzpilot
German Titov. Es gibt
Gerüchte, wonach er der
geeignetere Kosmonaut
gewesen wäre. Auf Grund
seines ziemlich unrussischen
Vornamens habe er
aber nur die Nummer zwei
sein dürfen.
Um 10.15 Uhr erreichte er Afrika – und den Anfang vom Ende seiner Reise. Und dann passierte es: Kurz nach der Zündung der Bremsrakete kam es zu einem ernsten Zwischenfall. Eigentlich hätte sich in diesem Moment die kugelförmige Landekapsel vom Rest des Raumfahrzeugs lösen müssen, doch die Trennung erfolgte nicht vollständig – beide Komponenten blieben zunächst durch eine Reihe loser Kabel miteinander verbunden. Die Kapsel begann, sich unkontrolliert zu drehen. Gagarin verlor zwar die Orientierung, nicht aber die Nerven. Nach Hause funkte er, alles laufe normal, in seinem Buch heißt es gar, dass er schallend sein Lieblingslied "Die Heimat hört, die Heimat weiß" sang. So oder so: Am Ende ging alles glatt. In 7000 Meter Höhe öffnete sich der Hauptfallschirm, wenig später sprengte sich Gagarin planmäßig mit seinem Schleudersitz aus der Kapsel und landete um 10.55 Uhr – eine Stunde und 48 Minuten nach seinem Start – auf einem Acker rund 500 Kilometer östlich von Dnipropetrowsk. "Gut Freund, Genossen, gut Freund!", rief er den Bauern zu, die ihn gleich erkannten und "umarmten und küssten wie Brüder".
"Durch Ihre Heldentat haben Sie unserem Heimatlande großen Ruhm gemacht", lobte ihn wenig später Staatschef Nikita Chruschtschow, während US-Präsident John F. Kennedy nach dem "Sputnikschock" von 1957 im Wettlauf um den ersten Menschen im All nun eine weitere Niederlage einstecken musste. Niemand sei an diesem Tag so müde wie er, sagte er einem Journalisten. Es werde wohl einige Zeit dauern, bis die Sowjetunion eingeholt werden könne. Tatsächlich vergingen gut acht Jahre, bis Neil Armstrong am 21. Juli 1969 den Mond betrat – und die Sowjetunion den großen Wettkampf des Kalten Kriegs am Ende doch verlor. Gagarin erlebte das nicht mehr. Er kam am 27. März 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
PS: Auf dem Weg zur Startrampe hatte Juri Gagarin übrigens den Bus anhalten lassen – um sich in letzter Minute vom Druck seiner Blase zu erleichtern. Seither pinkeln alle Kosmonauten und Astronauten kurz vor dem Start in Baikonur in seinem Gedenken an die Busreifen.


Der Autor ist Redakteur von epoc


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