Mitte der 1980er Jahre, als sich herausstellte, dass die schreckliche neue Krankheit Aids von einem Virus namens HIV verursacht wird, standen die Regale der Apotheken voller Medikamente gegen bakterielle Infektionen. Gegen Viruserkrankungen aber hatte die Medizin kaum mehr zu bieten als Kräutertees und eine Reihe von Impfstoffen. Inzwischen hat sich die Situation grundlegend geändert. Heute gibt es Dutzende von virushemmenden Substanzen sowie mehrere neue Vakzinen; einige hundert weitere Wirkstoffe befinden sich in der Entwicklung. Waren die 1950er Jahre das goldene Zeitalter der Antibiotika, so stehen wir heute an der Schwelle zu einem goldenen Zeitalter der antiviralen Medikamente.

Dieser Fortschritt speist sich aus mehreren Quellen. Pharmaunternehmen verweisen darauf, dass sie in den letzten 15 Jahren neue, raffinierte Verfahren zur Suche nach Wirkstoffen aller Art entwickelt haben. Gleichzeitig eröffneten die verzweifelten Bemühungen um lebensrettende Therapien für HIV-Infizierte und Aids-Kranke kreative neue Wege nicht nur zur Bekämpfung der Immunschwäche, sondern auch für den Kampf gegen andere Viren.

Noch größere Schützenhilfe aber kam von einer wenig beachteten Seite: der Virus-Genomik. Sie liefert die Reihenfolge der "Buchstaben" im genetischen "Konstruktionshandbuch" (die Sequenz der Nucleotide in der Nucleinsäure) des Krankheitserregers. Dieser Text umfasst die Baupläne für sämtliche Proteine, die als Strukturelemente oder Funktionsträger des Virus dienen und so sein Verhalten bestimmen. Wer diese Erbinformation ganz oder auch nur teilweise entziffert hat, kann daraus schnell eine Menge darüber ablesen, wie das Virus sich vermehrt und seine krank machende Wirkung entfaltet. Damit erfährt er auch, wo die Achillesfersen des Übeltäters sind. Heute kann man das vollständige Genom jedes Virus innerhalb weniger Tage sequenzieren und so die Schwachpunkte des Erregers mit nie da gewesener Geschwindigkeit aufspüren.

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