Klima
Energieversorgung in Zeiten des Klimawandels
Wind, Wasser und Sonne werden uns frühestens in einigen Jahrzehnten maßgeblich mit Energie versorgen. Bis dahin bieten sich in Deutschland die laufenden Kernkraftwerke an – außer, man akzeptiert den Bau neuer Kohlekraftwerke.
Beim G8-Gipfel in Heiligendamm im Sommer 2007 wurde deshalb als Ziel festgelegt, den Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 um 20 Prozent zu senken. Die Europäische Union hat dieses Ziel übernommen. Deutschland muss dafür am stärksten reduzieren, weil es im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern pro Einwohner am meisten CO2 produziert. Die Bundesregierung plant, den Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent zu senken. Der Acht-Punkte-Plan des Bundesumweltministeriums (BMU) stellt sogar eine Reduzierung um 40 Prozent als erreichbares Ziel dar. Beide Ziele liegen fernab der Realität. In Deutschland sind Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke


Konrad Kleinknecht, Jahrgang
1940, stammt aus Ravensburg. Er
studierte Physik in München und
Heidelberg, wo er 1966 promovierte
und 1971 auch habilitierte. 1972
wurde er an die Universität Dortmund
berufen, wo er die Fachrichtung
Teilchenphysik aufbaute. 1985
wechselte er an die Universität
Mainz. Kleinknecht forschte über
die Schwache Wechselwirkung,
Neutrinophysik sowie die Verletzung
der Materie-Antimaterie-
Symmetrie. 1990 erhielt er den
Leibnizpreis der Deutschen Physikalischen
Gesellschaft. Seit 1995
arbeitet er auch an Fragen der
Energieversorgung und deren
Zusammenhang mit dem Klimawandel.
Seit 2000 ist er Klimabeauftragter
der DPG.
abrufen





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1. Klimawandel und gesunder Menschenverstand
14.03.2008, Norbert Rommerskirchen, Querstraße 1h, 1900 GroßröhrsdorfZu erst einmal ein Lob an Ihre Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft", welche ich schon seit einigen Jahre von Ihnen beziehen darf und auch sehr gerne "studiere". Ich lese Ihre Zeitschrift gerade deshalb, weil ich nicht alles sofort verstehe, aber es bereitet mir eine große Freude, über den einen und anderen Artikel - auch über einen längeren Zeitraum hinweg - nachzudenken. Dies dient u.a. auch dazu, mein Gehirn zu schulen, damit ich nicht einroste und auch weiterhin "open minded" und somit empfänglich für neue Aspekte bleibe.
Doch nun zu meinem eigentlichen Anliegen:
Immer wieder erscheinen in Ihren Ausgaben verschiedene interessante Artikel zum Thema "Klimawandel". Darin werden häufig die anthropogenen Einflüsse auf das Klima diskutiert und häufig auch mit dem Argument relativiert, daß man ja noch Zahlen und Meßergebnisse benötige, um eine "sichere" Aussage über die Tragweite des menschlichen Verhaltens eben auf dieses Erdklima treffen zu können. Dazu nun meine Meinung: Schon seit Jahrzehnten werden Zahlen und Fakten zu diesem Thema zusammengetragen, ausgewertet und - jedenfalls teilweise - auch veröffentlicht.
Unabhängig von dem Streit zwischen manchen "Wissenschaftlern" bleiben für mich jedoch auch wesentliche Aspekte bei dieser Diskussion unbeachtet: 1) Der gesunde Menschenverstand. 2) Intuition. 3) Lebenserfahrung. Diese genannten Punkte sind ganz erhebliche Eigenschaften, die unser (Über-)Leben auf diesem Planeten überhaupt erst für diese uns gegebenen Zeitspanne ermöglichen.
Der gesunde Menschenverstand sagt mir, daß es aus den verschiedensten Gründen (u.a. auch durch den Energieerhaltungssatz, Massenerhaltungssatz, die Gesetze der Thermodynamik etc. pp.) für unser Erdklima nicht unerheblich sein kann, wie wir Menschen uns auf diesem Planeten verhalten (unwiederbringlicher Verbrauch der Ressourcen wie z.B. Erdöl, Vernichtung der Wälder, Verschmutzung des Trinkwassers etc). Intuitiv weiß ich, daß dieses Verhalten unabdingbar Konsequenzen auf unseren Lebensraum (Klima, Tier- und Pflanzenwelt, Artenvielfalt, das Gleichgewicht des Ökosystems etc. pp.) haben muß. Denn dies zeigt mir meine Lebenserfahrung, daß Mensch nicht an einem Teil dieser Welt etwas ändern kann, ohne daß dies nicht unabdingbar Konsequenzen für den anderen Teil dieser Welt haben wird.
Wir können noch weitere Jahrzehnte Zahlen, Meßergebnisse und Fakten sammeln, um das menschliche Ausmaß an der Klimaveränderung zu ergründen. Doch eine Frage darf an dieser Stelle erlaubt sein: Was ist, wenn sich dann - z.B. nach weiteren 30 Jahren - herausstellt, daß es eben doch genau dieses menschliche (Fehl-)Verhalten war, was zu dieser Veränderung geführt hat? Haben wir dann nicht weitere, nie weder gut zu machende, 30 Jahre unwiederbringlich verloren? Vielleicht ist es dann für uns zu spät! Wir dürfen den gesunden Menschenverstand, unsere Intuition und unsere Lebenserfahrung nicht vollständig ausblenden.
2. Artikel nur auf den ersten Blick ausgewogen
30.03.2008, Ullrich Martini, München1) Laut VDN betrug die in 2007 von der Windenergie abgegebene Strommenge knapp 40 TWh oder 7,3% des Gesamtverbrauchs von 541 TWh. Im Artikel wird eine geringere Zahl von 2006 zitiert.
Die Steigerung zwischen 2006 und 2007 beträgt fast 9 TWh. Da ist also fast ein Kernkraftwerk dazugebaut worden.
2) Wenn die Kernkraftwerke wie in Szenario A ohne Zubau ein Drittel des Strombedarfes decken und nicht ein Viertel wie jetzt, muss stark Strom gespart werden. Das wäre begrüßenswert, würde aber auch dem Anteil der Regenerativen zugute kommen.
3) Der Einstieg in die Brütertechnologie ist nicht unnötig, sondern indiskutabel gefährlich.
4) Die 80000 neuen Windräder beziehen sich scheinbar auf eine veraltete Technologie. Mit der Ausbeute von 2007 (20%) und modernen 2MW-Rotoren (z.B. Enercon E-82) komme ich auf 40000 zusätzliche Windräder, und mit 5MW-Rotoren (z.B Multibrid M5000, speziell für den Offshore-Einsatz entwickelt) auf nur 16000 neue Windräder. Es ist plausibel anzunehmen, dass bis 2015 noch leistungsfähigere Rotoren am Markt sind, so dass auch meine Zahlen noch zu gross wären.
Darüber hinaus gibt es den Ersatz kleiner Windräder durch neue, größere, das so genannte "repowering" und andere regenerative Energiequellen.
5) Ich vermisse komplett die Diskussion, ob und wie man mit Hilfe eines modernen Hochspannungs-Gleichstromnetzes oder neuen Speichertechnologien wie adiabatischen Druckluftspeichern oder Redox-Flow-Batterien Lastspitzen oder Windflauten ausgleichen kann. Zum Beispiel könnte man mit einem solchen Netz Regenerativenergie aus Spanien, Skandinavien oder Nordadfrika importieren.
5) Die EEG-Vergütung für On-Shore-Windenergie sinkt im Entwurf des EEG für 2009 auf 5 Cent, das ist weniger als der Betrag von 6-7 Cent, der derzeit an der Leipziger Strombörse verlangt wird. Die indirekte Subvention für die Windenergie läuft also aus, andere regenerative Energien werden folgen. Insbesondere die Photovoltaik hat noch riesige Entwicklungspotenziale. Im Licht der aktuellen Strompreise möchte ich auch die zitierten Erzeugungskosten für Strom aus Kohle- oder Kernkraftwerken von 3-5 Cent anzweifeln.
6) Es wird im Szenario A unterstellt, dass die Stromkonzerne Extra-Gewinne aus einer Laufzeitverlängerung in erneuerbare Energien und Einsparmaßnahmen investieren würden. Ob das wirklich funktioniert, ist im Lichte des bisherigen Verhaltens der Konzerne doch schon zweifelhaft. Wie die Beispiele Brunsbüttel und Krümmel zeigen, muss man mit Ausfallzeiten rechnen, die dann als Argument verwendet werden könnten, um die Zahlungen auszusetzen.
7) Schliesslich ist die Frage der Entsorgung von Atommüll weiterhin ungeklärt, und somit auch die Frage der Kosten der Entsorgung.
3. Lobbyismus?
30.03.2008, Martin Grün, NeckarsulmWenn ich das richtig sehe, beruht der Artikel überwiegend auf der Studie Klimaschutz und Energieversorung der dpg von 2005, die auf deren homepage heruntergeladen werden kann.
Stimmt es eigentlich, dass zurzeit ein erstaunlich hoher Anteil der Reaktoren in Deutschland heruntergefahren ist oder auf Sparflamme läuft, um sich über die nächste Bundestagswahl hinweg zu retten? Wenn dem so wäre, kann es mit der knappen Energie hier ja nicht so weit her sein und die Aussagen von 40% Überkapazität stimmen doch.
Eine Lücke von 26% tut sich dann also nicht auf oder? Wie lange weiß denn die Stromindustrie schon, dass die Kernkraftwerke 2020 abgeschaltet werden? Ist glaub ich auch schon etwas her. Läuft eben wie bei der Selbstverpflichtung der Automobilindustrie mit der CO2-Begrenzung. Täuschen, jammern und hoffen, dass man drumrum kommt. Und mit den Rieseneinnahmen lieber andere Energieversorger aufkaufen als in die Zukunft zu investieren.
4. CO2 bleibt in der Atmosphäre
03.04.2008, Daniel Neike, AachenMeines Wissens stimmt das nicht, denn Pflanzen zum Beispiel benutzen CO2 bei der Photosynthese, um daraus Glukose zu machen. Als ich dies gelesen habe, hat mir der Artikel irgendwie keinen Spaß mehr gemacht, obwohl ich das Thema sehr spannend finde. So ein Fehler darf nicht passieren denke ich, sofern meine Behauptung stimmt. Der ganze Artikel danach ist in meinen Augen dann nicht mehr lesenswert, wenn solche Fehler passieren.
5. Unzulässige Schlussfolgerung
04.04.2008, Frank Düpmann, Berlin- Blockheizkraftwerke (Wirkungsgrad ca. 90%) vs. Großkraftwerke (Wirkungsgrad ca. 50%) - diese können auch Grundlast erzeugen.
- Energieeinsparung (auch über politische Maßnahmen) - in Australien sind normale Glühbirnen nicht mehr im Verkauf! Warum bei uns noch?
- Erzeugung von Solarenergie außerhalb von Deutschland - Transport z.B. als Wasserstoff - wo steht denn, dass alle Kraftwerke in Deutschland stehen müssen?
Der Artikel ist einseitig auf die Interessen der heutigen Stromerzeuger zugeschnitten. Ich halte es für keine gute Idee, die Risiken und Umweltschäden der Kernenergie gegen die Risiken der CO2-Problematik auszutauschen. Hier wird der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben! Es ist auch kein Argument, dass wir das auch tun müssen, nur weil das woanders so gemacht wird!
Was fehlt, gerade auch aus der Forschung heraus, sind endlich einmal wirkliche Alternativkonzepte. Auch wenn die den bisherigen Monopolstrukturen in der Energieerzeugung entgegenstehen.
6. Einseitige Darstellung
11.04.2008, Dr.-Ing. Ludger Siepelmeyer, BurscheidWarum muss das aus den Abgasen entfernte CO2 eigentlich Millionen Jahre gesichert gelagert werden? Und warum vergisst Herr Kleinknecht bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, dass die Reste der Atomwirtschaft (Atommüll) Zehntausende von Jahren gesichert gelagert werden müssen - gesichert nicht nur gegen einfaches Freisetzen, sondern auch gesichert gegen unerlaubtes Manipulieren bzw. kriminelle Verwendung?
Im Szeanrio B ist die Emmissionsminderung durch Gebäudesanierung auf einmal zu teuer, im Szenario A nicht: wieso das denn? Und im Szenario C taucht die Gebäudesanierung überhaupt nicht mehr auf?
Wo bleiben eigentlich die Möglichkeiten der Energie- bzw. CO2-Einsparung im Verkehrsbereich: warum wird Flugbenzin nicht besteuert bzw. warum muss man zum "Taxipreis" von Hamburg nach Rom fliegen können? Warum müssen LKW von Bayern nach Italien fahren, um aus Milch Käse herzustellen?
Ich muss in einem Punkt Herrn Kleinknecht zustimmen: wenn die Atomkraftwerke schon mal da sind, dann wäre es schon sinnvoll, diese bis zum Ende ihres sinnvollen und relativ ungefährlichen Lebensendes zu betreiben; dieses ist jedoch eine politische / gesellschaftspolitische Entscheidung, welches Risiko höher einzustufen ist: Klimawandel oder Atomgefahren.
Letzten Endes muss man leider festhalten, dass die Qualifikation als Teilchchenphysiker nichts mit der Qualifikation als Klimaforscher zu tun hat und leider auch nicht gegen einseitige Darstellungen bewahrt. Da nützt es auch nichts, wenn er im Editorial hoch gelobt wird!
7. Klimapläne fernab der Realität
14.04.2008, Georg-Ernst Weber, Schleiz in ThüringenDie „billigen Erzeugungskosten“ aus Kohle- und Kernkraftwerken bezweifle ich, sie enthalten nicht alle vorgeschalteten und nachgeschalteten Kosten, so auch nicht die Kosten für die Sanierung für die Umweltschäden, die gleichbedeutend sind mit Schäden an der Lebensqualität des Menschen auch nachfolgender Generationen. Die Sanierungsaufwände für den Uranbergbau oder die Rekultivierung der riesigen Landstriche im Lausitzer und Mitteldeutschen Braunkohlengebiet dürften nicht in den Betriebskosten enthalten sein (wie auch die Schäden der Erdölindustrie von der Allgemeinheit zu tragen sind).
Die Endlagerung von CO2 und Kernbrennstäben ist noch ungeklärt. Biomasse, die in nutzbare Wärme- und Stromenergie umgewandelt werden kann, steht nicht hinreichend zur Verfügung.
Verfügbarkeit! Warum wird nicht prinzipiell der Energiebedarf hinterfragt? Überlebt die Menschheit mit niedrigem oder hohem Energieverbrauch? Die Liste der Verschwendung ist unendlich! Verbrauchssteigerung als „Fortschritt“, Investitionen, die unwiederbringlich Energie und Material „versenken“, Sinnlostransporte, Vernichtung klimaneutraler Regenwälder und Umwandlung in CO2-freisetzende Biomasseproduktionsflächen, exzessiver Fleischkonsum, Mobilität … es wäre viel zu „reformieren“.
Marktwirtschaft vernichtet täglich durch Ressourcenverbrauch und Verdrängungswettbewerb Zukunftschancen. Es gibt zu wenig Wettbewerb um die nachhaltigste Lösung für die Zukunft, sondern überwiegend Wettbewerb um die höchsten Gewinne heute für wenige.
8. Grundlegender Wandel nötig
16.04.2008, Julian Maguhn, FreisingAber anstatt diesen längst überfälligen Wandel hin zu einer nachhaltigen Energiepolitik unmittelbar zu fordern, lässt Herr Kleinknecht die in meinen Augen einzig zukunftsfähigen regenerativen Energien als für die nächsten Jahrzehnte nicht realisierbar und konkurrenzfähig links liegen und erörtert im Folgenden die Nachteile einer modifizierten nicht zukunftsfähigen, konventionellen Erzeugungsform gegenüber einer überholten zweiten nicht zukunftsfähigen Form der Stromerzeugung. Dabei werden ausführlich die Probleme bei der angedachten Deponierung des von Kohlekraftwerken erzeugten Kohlendioxids aufgezeigt, das mindestens genauso ungelöste Problem der Endlagerung von radioaktivem Abfall wird allerdings nicht einmal erwähnt, ganz zu schweigen von der permanenten Bedrohungslage angesichts eines möglichen GAUs in einem AKW, dessen Wahrscheinlichkeit zwar noch so gering sein mag, der aber dennoch unverantwortlich bleibt.
Des Weiteren erscheint mir die Gegenüberstellung von hochsubventioniertem regenerativ erzeugtem Strom einerseits und billigem Atomstrom andererseits angesichts der enormen Subventionen, die seit 50 Jahren in die Kernkraftindustrie fließen, etwas unfair.
Natürlich ist ein grundlegender Wandel zu einer nachhaltigen Energieversorgung aus regenerativen Energieformen eine gewaltige Herausforderung, aber angesichts seiner unausweichlichen Dringlichkeit sollte man ihn nicht so einfach kurzfristig über Bord werfen. Es gibt alternative Vorstellungen zu 80.000 Windrädern: Den Energiebedarf durch Einsparungen in allen Bereichen erst einmal heruntergeschraubt, ist eine Versorgung durch einen breit gefächerten Mix aus dezentralen Windkraft-, Geothermie-, Solarthermie-, Biomasse-, Wasserkraft- und Photovoltaikanlagen in Kombination mit kleinen Gaskraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung durchaus schon eher vorstellbar.
Und man sollte bedenken: Jede Investition in eine nicht zukunftsfähige Art der Energieerzeugung – und dazu zählt auch die Laufzeitverlängerung der AKWs – verzögert diesen notwendigen Wandel hin zu einer nachhaltigen Versorgung mit 100 % regenerativen Energien.
9. Die Nachteile und Gefahren der Kernkraft fehlen
19.04.2008, Frank Stutzmann, BonnAm interessantesten finde ich das Argument der Glaubwürdigkeit. Deutschland müsse die EU-Ziele der CO2-Reduktion einhalten, um politisch glaubwürdig im globalen Handeln zu bleiben. Für mich ist es mit dieser Glaubwürdigkeit nicht weit her, denn die deutsche Regierung hat bei den Grenzwerten der Autoabgase bereits gezeigt, dass es keine allzu niedrigen Grenzwerte geben darf, wenn dann die deutsche Autoindustrie Schwierigkeiten bekommt.
Auf die fehlende Glaubwürdigkeit der Regierung in Sachen Kernkraft geht der Autor nicht ein. Wie glaubwürdig sind energiepolitische Aussagen einer Regierung, die in Sachen Kernkraft den Ausstieg beschließt – übrigens im Konsens mit den Betreibern der Kernkraftwerke, die nicht einfach verpflichtet wurden, wie der Autor schreibt – dies aber nach wenigen Jahren wieder rückgängig macht?
Auch alle anderen Nachteile, Schwierigkeiten und Gefahren der Kernkraft lässt der Autor schlicht unerwähnt, außer dem Problem der Endlagerung, dass er kurz im Nebensatz erwähnt, als er über die Problematik einer dauerhaften Lagerung von CO2 unter der Erde spricht. Wieso es in 1-2 Jahrzehnten möglich sein sollte, ein Gas am besten für immer sicher unter der Erde zu lagern, trotz all der Probleme die der Autor aufzeigt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Unter den Tisch fallen auch die anderen Kleinigkeiten wie der Transport des CO2 oder die notwendige Zahl der Lagerstätten.
Es gibt sehr gute Gründe für den Atomausstieg. Die Gefahr eines Super-GAUs lässt sich nicht mathematisch aus der Welt schaffen und für schlicht zu unwahrscheinlich erklären. Ständig kommt es zu Zwischenfällen und werden weitere Mängel in den Kernkraftwerken bekannt. In Forsmark in Schweden wäre es 2006 beinahe zur Kernschmelze gekommen, da das Notstromsystem nicht richtig funktionierte. Die Notsysteme fallen auch in Deutschland immer wieder durch Mängel auf. Der Autor schlägt die Nutzung der Kernkraft für weitere 50 Jahre vor. Will er die mehr oder weniger unsicheren Reaktoren bis dahin weiter betreiben, die dadurch immer mehr zum Risiko werden? Oder sollen gar neue Kernkraftwerke gebaut werden?
Hinzu kommt, dass es erwiesen ist, dass Kernkraftwerke im Normalbetrieb zu einer erhöhten Kinderkrebsrate führen. Dies wird von den Befürwortern der Kernkraft wegargumentiert, da die Grenzwerte ja eingehalten würden. Diese liegen aber ganz offensichtlich schlicht zu hoch.
Ungelöst ist auch die Frage, wo der entstandene Atommüll für Hunderttausende von Jahren sicher gelagert werden soll, ein für Menschen unvorstellbar langer Zeitraum. Zum Vergleich: Die ersten menschlichen Hochkulturen gab es vor ca. 5000 Jahren. Der Atommüll müsste 100- bis 200-mal so lange sicher verwahrt werden. Bislang weiß immer noch niemand, wie dies funktionieren kann. Das Versuchendlager Asse II säuft gerade ab, bereits nach 40 Jahren! Trotzdem wird unverantwortlich weiter Atommüll produziert.
Noch zu erwähnen sind die negativen Folgen des Uranabbaus. Die Umwelt wird in diesen Gegenden, z.B. in Australien oder Russland, enorm verschmutzt, mit großen negativen Folgen für die Gesundheit der Bewohner der Gegenden.
Wenn der Autor argumentiert, diese Uranvorräte würden noch für über 80 Jahre reichen, so ist dabei entscheidend, von welchen Voraussetzungen er ausgeht, und ob es ihm um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes in Deutschland oder auf der ganzen Welt geht. Denn zum Ersteren würde es reichen, die Kernkraftwerke laufen zu lassen und die gleiche Menge Uran abzubauen wie bisher. Um jedoch global gesehen den CO2-Ausstoß durch den Betrieb neuer Kernkraftwerke ernsthaft zu reduzieren, müssten sehr viele neue Kernkraftwerke gebaut werden, so dass die Uranvorräte deutlich schneller aufgebraucht wären. Denn derzeit werden laut Internationaler Energie Agentur nur 2,5% des weltweiten Stroms durch Kernkraftwerke produziert. Hier zeigt sich, dass es global gesehen eben nicht stimmt, dass sich durch die Kernkraft der CO2-Ausstoß deutlich reduzieren ließe. Selbst die Internationale Atomenergie Organisation IAEA hat im Juni 2004 in einem Bericht eingestanden, dass die Atomenergie sogar unter günstigsten Bedingungen überhaupt nicht schnell genug ausgebaut werden könnte, um den Klimawandel zu begrenzen.
Erwähnt sei auch noch, dass Kernkraftwerke nicht CO2-frei sind, wie der Autor behauptet. Das stimmt lediglich für den reinen Betrieb. Jedoch wird Energie gebraucht, um aus dem abgebauten Uran Brennelemente herzustellen, und je geringer der Urangehalt des abgebauten Gesteins ist, desto mehr Energie ist dazu notwendig. Irgendwann wird die Energiebilanz negativ. Je mehr Kernkraftwerke auf der Welt gebaut werden, und je größer der Bedarf an Uran wird, wodurch der Preis steigt, desto minderwertigeres Urangestein kann noch wirtschaftlich genutzt werden. Dadurch wird dann noch mehr Energie notwendig sein, bei deren Produktion noch mehr CO2 freigesetzt wird.
Der Autor meint, die Kohleindustrie und die Kohlekraftwerksbetreiber würden verhindern, dass der Einsatz der Kohle zu stark reduziert würde. Vermutlich auch deshalb wird so viel Geld in Versuche investiert, CO2 abzuscheiden und dauerhaft zu lagern, statt mehr in Erneuerbare Energien zu investieren. Vermutlich erhoffen sie sich hier größere Gewinne. Genauso könnte und sollte man fragen, warum Milliarden in die Erforschung eines Fusionsreaktors investiert werden und warum auf der Nutzung der Kernkraft bestanden wird, trotz oben beschriebener Kritik. Die Antwort wird die gleich sein wie bei der Kohle: wirtschaftliche und politische Interessen. Solange die Interessen der großen Stromproduzenten ein solches Gewicht haben, werden die Gewinne wichtiger bleiben als der Klimaschutz (siehe oben: die Autoindustrie und die Unterstützung der deutschen Regierung)!
Die energiepolitische Lösung für die Zukunft liegt jedoch in einer dezentralen Energieversorgung, auf die der Autor aber nicht eingeht, ebenso wenig wie auf Blockheizkraftwerke mit einem hohen Wirkungsgrad durch Kraft-Wärme-Kopplung. Auch beim Ausbau der Windenergie wird stattdessen auf große Offshore-Parks verwiesen.
Kritik kann man auch an den Subventionen für die Erneuerbaren Energien aus dem Artikel herauslesen, die ansonsten deutlich teurer wären. Auch die Kernkraft wurde bei ihrem Ausbau massiv subventioniert, und der Strompreis wird es heute noch, denn das Kostenrisiko für einen GAU zahlen nicht die Betreiber über eine ausreichende Versicherung, das müssten die Steuerzahler im Fall des Falles übernehmen. Bei einer angemessenen Versicherung würde sich der Betrieb eines Kernkraftwerkes nämlich finanziell nicht mehr lohnen. Auch die Kosten für die sehr lange Endlagerung sind in diesem sehr günstigen Strompreis kaum enthalten.
Erneuerbare Energien sollen erst ab 2050 zur Versorgung ausreichen. Woher stammt diese Zahl? Und wer kann jetzt schon wissen, was in den nächsten 40 Jahren an Geldern investiert und an Forschungsergebnissen erzielt wird? Nur mal zum Vergleich: der Aufbau der Kernkraft hat in Deutschland keine 30 Jahre gedauert.
Eine objektive wissenschaftliche Darstellung, wie ich es in Ihrer Zeitschrift erwartet hätte, ist der Artikel für mich nicht, da die Problematik der Energiegewinnung nicht ausgewogen von allen Seiten untersucht und beleuchtet wird. Schwierigkeiten, Probleme und Nachteile der Stromproduktion durch Kohlekraftwerke und Erneuerbare Energie werden dargestellt, jene der Kernkraft aber überhaupt nicht, diese wird einfach als Lösung der Probleme hingestellt. Die berechtigte Kritik an der Kernkraft, die ich oben knapp beschrieben habe, kann aber nicht einfach als Ideologie abgetan und ignoriert werden, sondern muss in die Gesamtbetrachtung und die Lösungsvorschläge einbezogen werden. Das tut der Autor nicht, deshalb müssen auch seine Schlussfolgerung in Frage gestellt werden.
Bei einer solch einseitigen Darstellung muss der Autor sich übrigens nicht wundern, wenn Menschen vermuten, er sei ein Lobbyist.
10. CO2-Reduzierung und Klimahysterie in Deutschland
20.04.2008, Dr. Armin Quentmeier; DortmundWie lange wird es wohl dauern, bis die stark wachsende Wirtschaft in China und Indien den eingesparten deutschen Anteil mehr als wettgemacht haben wird? Es sei daran erinnert, dass allein ein China im Jahre 2006 174 (in Worten: einhundertvierundsiebzig!) Kohlekraftwerke neu ans Netz gegangen sind und in 2007 noch ca. 120 weitere! Vermutlich wird es weniger als ein Jahr dauern, dann haben allein diese beiden Länder ihren CO2-Ausstoß um die Menge erhöht, die unser Land bis zum Jahr 2020 einsparen will! Allein diese Relation zeigt doch den ganzen Irrsinn dieser politischen Vorgabe. 30 oder 40 % weniger „deutsches“ CO2 ist im Weltmaßstab einfach lächerlich wenig! Schon jetzt gibt es kaum ein Land, in dem sparsamer und effizienter mit Energie umgegangen wird als Deutschland. Leider wird diese führende Rolle Deutschlands viel zu wenig gewürdigt. Weitere Einsparungen erfordern daher einen überproportionalen Aufwand, der aber bis zu einem gewissen Maß von unserer Volkswirtschaft aufgebracht werden kann.
Auch wenn es in vielen Bereichen noch Einsparpotenzial gibt und eine weitere Steigerung der Energieeffizienz das Gebot der Stunde ist, um den hohen Kosten für den Import von Kohle, Öl, Gas und Uran zu begegnen, sollte immer der vergleichsweise geringe deutsche Anteil an der globalen CO2-Emission berücksichtigt werden und eine Politik mit Augenmaß gemacht werden. „Politik ist die Kunst des Möglichen“, hat Bismarck gesagt, und das gilt auch für die Energiepolitik!
Diese „Kunst des Möglichen“ kommt allerdings schnell an ihre Grenzen, wenn irrationale politische Vorgaben wie der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen werden. Das hat Herr Kleinknecht sehr schön in seinem Szenario C dargelegt. Die deutschen Kernkraftwerke sparen ca. 160 Millionen t CO2 pro Jahr ein; wenn nach deren Abschaltung die Stromversorgung gesichert werden soll, müssen rechtzeitig neue Kraftwerke gebaut werden, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Wind und Sonne können auch bei großzügigsten Subventionen nur einen Bruchteil des bisher von Kernkraftwerken erzeugten Stroms ersetzen. Völlig absurd ist der Bau von Gaskraftwerken: Erdgas ist der kostbarste fossile Energieträger der auch als Grundstoff in der chemischen Industrie vielseitige Anwendungen hat. Erdgas ist für den Grundlastbetrieb zu teuer und zum Verfeuern in Großkraftwerken viel zu wertvoll.
Die energiepolitische Diskussion ist in unserem Land längst ins Irrationale abgeglitten. Dreißig Jahre Anti-Atom-Hysterie führten letztlich zu dem verantwortungslosen Ausstieg unter Rot-Grün. Deutschland ist damit das einzige Land auf der Welt, das einen wichtigen Teil seiner Stromversorgung einfach aufgibt und damit so ganz nebenbei Investitionen von ca. 100 Mrd. Euro einfach verschleudert. Nachdem die Kernkraft erledigt ist, wird eine Hysterie gegen Kohlekraftwerke entfacht: unsere tägliche Hysterie und Panik gib uns heute! In der öffentlichen Diskussion ist fast nur noch von „Klimakiller Kohle“ die Rede; neue Kraftwerke werden als Dreckschleudern und auch als „Klimakiller“ verunglimpft. Dringend erforderliche Investitionen in neue Kraftwerke werden von angeblich besorgten Bürgen mit juristischen Tricks und Winkelzügen blockiert. Wozu auch neue Kraftwerke? Der Strom kommt ja aus der Steckdose!
11. Unsachliche Äußerung eines renommierten Wissenschaftlers
03.05.2008, Bernard Lepetit, Leipzig1. Wenn man vernünftige Energiebilanzen erstellen möchte, muss die Gesamtbilanz betrachtet werden. Dann wird deutlich, dass Kernkraftwerke keinesfalls Nullemissionenkraftwerke sind, denn anders als bei Wind, Sonne, Gezeiten oder Erdwärme liegen die Rohstoffe nicht vor Ort direkt bereit, sondern müssen CO2 emittierend gewonnen und transportiert werden.
2. Das Phänomen der Beschleunigung gilt natürlich auch für die alternativen Energien. Bei weiterem Bedeutungszuwachs dieser sind ganz andere Wachstumsraten (bspw. auch bei der Geothermie, wird im Artikel nicht erwähnt) möglich, als sie Herr Kleinknecht prognostiziert. Eine Verlängerung der AKW Laufzeit würde den möglichen Umstieg auf erneuerbare Energien massivst verzögern. Beispielhaft sei an den FCKW-freien Kühlschrank erinnert. Entschieden hatten die großen deutschen Kühlschrankhersteller eine Entwicklung desselben als nicht durchführbar abgelehnt. Nach dessen Einführung im Jahr 1992 durch Greenpeace und DKW war er innerhalb weniger Monate im Angebot sämtlicher große Hersteller.
3. Das Thema Sicherheit spricht Herr Kleinknecht gar nicht erst an. Ohne über die allseits beschworene Gefahr durch Terrorismus-Anschläge auf AKWs und „intrinsisch“ verursachte Reaktorunglücke mit den dramatischen Konsequenzen (Tschernobyl) einzugehen, möchte ich an die Ergebnisse der Qualitätsprüfung der Mainzer Studie (12/2007) vom April 2008 erinnern, die eine massive Häufung von Kinderkrebs im Umkreis von 50 km eines Atomkraftwerkes belegt und zu dem Schluss kommt, dass die Nähe zum Atomkraftwerk das entscheidende Kriterium für diese Anhäufung ist.
4. Herr Kleinknecht erläutert richtigerweise die vielen ungelösten Fragen im Zusammenhang mit der Lagerung abgeschiedenen CO2. Ironischerweise erwähnt er nicht, dass in Deutschland nach wie vor kein Endlager für radioaktiven Müll existiert, sondern lediglich ein Zwischenlager. Was passiert mit dem radioaktiven Müll, wenn die Kernkraftwerke weiter, wie er fordert, 50 Jahre laufen?
Herr Kleinknecht widmet sein neues Buch seinen Enkeln, denn „sie müssen auslöffeln, was wir ihnen angerichtet haben“. Ist es Herrn Kleinknecht nicht bewusst oder egal, dass er mit seinen Thesen den ganzen Schlamassel für seine Enkel nur noch verschlimmert?
12. Eindimensional
18.05.2008, Christian Blome, MannheimMeiner Überzeugung nach werden drei Dinge in Zukunft wichtig: Die energetische Verknüpfung elektrischer, thermischer und mobiler Energie, Speicherungstechnologien und eine gemeinsame Strategie mit anderen Ländern für erneuerbare Energien. Diese Kombination sorgt für eine Vergleichmäßigung des Energieangebots und ergmöglicht letztlich eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien, auch im Verkehrssektor. Auf dem Weg dorthin sind netzkoppelbare Hybridfahrzeuge (Plug-in Hybrids) und Kraft-Wärme-Kopplung erste Schritte.
Was elektrische Energie betrifft: Da wurde der Ausbau der Erneuerbaren stets unterschätzt, dies gilt vor allem für die Windenergie. Der BDEW schätzt bereits für 2014 einen Anteil von 30% ab, bei fast linearem Zubau. Es kann jedoch auch mehr werden (zum Beispiel durch die Photovoltaik, die aber in sonnenreicheren Ländern sinnvoller installiert wäre). Falls es nicht so viel wird, kann die Kernergie als Rückfallsicherung akzeptiert werden (von meiner Seite zähneknirschend). Aber es ist gut, für sie Ausstiegspläne in der Schublade zu haben.
13. Steinkohlekraftwerke in China
25.06.2008, Christian Ortmann, MarbachDa hat also China in 2 Jahren 300 neue Steinkohlekraftwerke gebaut. Jetzt meine Überschlagsrechnung: Ich nehme an:
Jedes habe eine Leistung von 750 MW (wie z. B. das Steinkohlekraftwerk in Heilbronn) und lauf nur 50 Prozent der Zeit auf Volllast (Wartung, Reparaturen, Zeiten geringeren Energiebedarfs) und für jede kWh werden 0,9 kg CO2 emittiert. Dann emittieren diese 300 Kraftwerke jährlich 980 Millionen Tonnen CO2, wohlgemerkt zusätzlich zu den in China sowieso schon jährlich emittierten über 5 Milliarden Tonnen CO2. Diese 300 neuen Kraftwerke allein emittieren also mehr CO2 als in Deutschland gesamt emittiert wird, und der Bau neuer Kraftwerke geht in China so weiter! Was soll denn dann unser Kämpfen um einige hundert oder tausend Tonnen weniger CO2 und der Riesenaufwand dafür? Das ist doch lächerlich!
Wir haben nun eine promovierte Physikerin als Bundeskanzlerin. Kann sie nicht mal Tacheles reden und den verbohrten Umweltideologen die wahren Fakten vorhalten und nach diesen Fakten auch auf Regierungsebene handeln?
14. Wärmegeführte Energiewirtschaft
25.06.2008, Hayo Sieckmann, Grabstede15. Chance verpasst in einer wichtigen Diskussion
02.07.2008, Uwe Dankert, 85540 HaarDenn leider unterlaufen dem Autor in seiner Darstellung eine Reihe nicht unbedeutender Ungenauigkeiten und missverständlicher Interpretationen bzw. Extrapolationen. Dies haben ja auch schon einige der veröffentlichten Leserbriefe im Anschluss an den Artikel aufgezeigt. Im Einzelnen sind zu kritisieren:
(1) Versorgungsstruktur
Es ist richtig, dass der Umbau unserer traditionellen Energieversorgung hin zu einer nachhaltigen Versorgung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich eine Herausforderung bedeutet, die uns alle betrifft. Jeder von uns muss da mitmachen, aber es ist offensichtlich leichter, Energiepolitik für wenige Energieversorger zu machen, als für viele Energieverbraucher, wie die ZEIT einmal in 2006 formulierte. Gerade der Wechsel von einer eher zentralistisch organisierten Energieversorgungsstruktur zu einer dezentral organisierten Struktur ist alles andere als leicht durch- und umsetzbar. Aber es gibt Beispiele in Europa, die bereits so organisiert sind. So ist beispielsweise in Dänemark die Erzeugung von Strom aus dezentralen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bei einem Anteil von 49 Prozent in 2002 angekommen, wogegen Deutschland bei 9,8 Prozent verharrt (Quelle: Eurostat 2006). Diese Zahlen haben sich seitdem kaum verändert, trotz des KWK-Förder-Gesetzes in Deutschland. Hier ist also Potenzial zu schöpfen. Natürlich bedeuten Offshore-Windkraftanlagen eine zentrale Struktur weitab von Verbrauchszentren in Mittel- und Süddeutschland. Dass aber der Bau von Überlandleitungen technisch und wirtschaftlich machbar ist, steht außer Frage. Kernkraftwerke stehen ja auch „weit weg vom Schuss“, weil sie trotz ihrer zumindest in Deutschland hohen Sicherheit niemand in seiner unmittelbaren Nachbarschaft haben möchte. Immerhin besteht ja noch ein Restrisiko.
(2) Windenergie
In 2007 wurde bereits etwa 16 Prozent unseres Stromes (gegenüber 12 Prozent in 2006), den wir benutzen, durch regenerative Energieerzeugungsanlagen bereitgestellt. Die Hälfte davon in 19.460 Windkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 22.247 MW (Quelle: www.wind-energie.de/de/statistiken). Im Mittel sind das pro Anlage 1,14 MW Kapazität. In dem Artikel von Prof. Kleinknecht eine Zahl von weiteren benötigten 60.000 Anlagen zu nennen, leugnet aber die realen Hintergründe und dient eher dem plakativen Zweck des Zusammenzuckens beim nicht informierten Leser. Derzeit lassen sich etwa 3.000 der existierenden Anlagen über Repowering potenziell hochrüsten (von zwischen 50 und 400 kW zu 3 MW bis maximal etwa 4,5 MW), was die zur Verfügung stehenden Kapazitäten auf ca. 30.000 MW erhöht, ohne gleichzeitig die Zahl der Anlagen zu erhöhen! Offshoring ist natürlich ein neues Thema und noch am Beginn der technischen Lernkurve mit allen positiven wie negativen Lerneffekten. Dennoch ist es mathematisch leicht nachzuvollziehen, dass zur Bereitstellung einer Erzeugungskapazität von weiteren 40.000 MW Winderzeugungsleistung "nur" etwa 8.000 weitere Windkraftanlagen benötigt sind, wenn man als mittlere Kapazität 5 MW pro Anlage ansetzt. Vermutlich werden aber die Offshore-Anlagen tendenziell sogar noch größer werden. Folglich sind zur Vervierfachung der durch WKA erzeugten Strommenge weit weniger Anlagen notwendig, als plakativ sogar in einer Artikelunterüberschrift dargestellt wird. Es ist natürlich klar, dass auch der Zubau/Neubau von insgesamt 11.000 Anlagen nach dieser kurzen Überschlagsrechnung eine Herausforderung bleibt. Pro Jahr sind das bis 2020 etwa 1.000 Anlagen, dies muss erst mal geschafft werden. Vor allem, weil die Amerikaner derzeit fast alle hergestellten Windkraftanlagen aufkaufen. Dennoch scheint dies organisierbar und machbar.
(3) Grundlastfähigkeit
Eine einzelne Windkraftanlage ist natürlich nicht grundlastfähig, weil Wind zeitlich schwankt. Das leuchtet jedem ein. Photovoltaik-Anlagen zeigen das gleiche „stochastische“ Verhalten, allerdings sogar relativ komplementär zu Windkraftanlagen. Die Kombination von beiden Systemkomponenten zu einem Gesamtsystem nähert sich also einem möglichen Grundlastverhalten schon an. Außerdem können viele Windkraftanlagen zusammen durchaus einen Beitrag zur Grundlast leisten (Wind weht immer irgendwo), und eine europaweite Zusammenschaltung kann dies zu einem hohen Anteil für ganz Europa tun. Darüber hinaus werden Offshore-Anlagen durchaus auch in der Grundlast gesehen, da der Wind auf See wesentlich stetiger bläst, als an Land. Warum aber so weit gehen? Bereits in Deutschland gibt es den nachgewiesenen Prototypen eines sogenannten Kombikraftwerkes (www.kombikraftwerk.de), der Windkraftanlagen, PV-Anlagen, Biokraftanlagen und KWK-Anlagen deutschlandweit (!) koppelt und steuert, um exakt das Lastprofil einer 10.000 Einwohner-Stadt real bereitzustellen. Wenn auch 10.000 nicht gleich 80 Millionen sind, es zeigt, dass es also auch anders geht, als über Kernkraftwerke, die vor allem aus Kosten-, Effizienz- und Unflexibilitätsgründen (wie die Braunkohle-Kraftwerke) die Grundlast in Deutschland stellen.
(4) Effizienz
Dieses Wort taucht in dem Artikel nur etwa 4-mal auf (in verschiedenen Wortformen). Kernenergie und Kernanlagen fast 20-mal. Dies ist sehr verwunderlich, da die Effizienzsteigerung der wesentliche zweite Pfeiler des Umbaus unserer Energieversorgung ist und sein muss. Niemand ist an dem Strom aus einem Kohlekraftwerk oder Kernkraftwerk oder einer Windkraftanlage interessiert. Was für uns wichtig ist, sind Licht, Wärme, Antrieb von Maschinen, bewegte Luft, kühle Luft usw.. Das nennt sich Nutzenergie, und die Kunst besteht natürlich darin, die benötigte Nutzenergie mit möglichst wenig Endenergie und in letzter Konsequenz wenig Primärenergie bereitzustellen. Hier gibt es nicht die eine große Technik (wie vielleicht die Energiesparlampe bei Licht), die den gleichen Nutzen produziert, aber wesentlich geringeren Energieaufwand zugrunde hat. Aber die notwendigen wesentlichen Techniken und Schritte sind bereits alle bekannt, ohne ausschließen zu wollen, dass es noch mehr intelligente Techniken geben wird. Potenziell, d.h. technisch, können wir mit nur 20 Prozent der heute benötigten Primärenergie auskommen, um den gleichen Nutzen zu haben. Das Problem sind das Wissen um die Techniken und Verfahren/Prozesse und ihre Umsetzung. Das hat viel mit Stellenwert von Energiekosten in Betriebs- oder Haushaltskosten zu tun, aber auch mit Know-how und Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wirtschaftlich notwendige Kostenreduktionen könnten in Betrieben oft leichter mit Effizienzmaßnahmen als mit dem üblichen Personalabbau erreicht werden. Und hätten als Sekundäreffekt eine deutliche Klimaentlastung zur Folge.
Wie groß ist hier das abschöpfbare Potenzial? Wenn wir von einem Wirtschaftswachstum von 2 Prozent jährlich bis 2020 ausgehen und gleichzeitig unsere Energieproduktivität (eingesetzte Primärenergie zu erzeugtem Bruttosozialprodukt) um 3 bis 3,5 Prozent jährlich verbessern, dann reichen in 2020 zwischen 83 Prozent und 85 Prozent unserer heutigen (!) Energie aus, um trotz Wirtschaftswachstum den benötigten Nutzen zu erzielen. Dies macht zu diesem Zeitpunkt (also 2020) bereits den Einsatz von Kernkraftwerken obsolet. Sie könnten ersatzlos abgeschaltet werden. Leider fehlt im Beitrag von Prof. Kleinknecht jegliche Diskussion dieses wichtigen Beitrags. 3 Prozent hören sich natürlich erst mal nicht viel an, aber wenn man schaut, dass es uns in Deutschland von 1997 bis 2006 nur gelang, die Energieproduktivität jährlich um ca. 1,5 Prozent zu steigern, dann wird klar, dass das nicht einfach geht. Aber es geht, wie ein vergleichbares Land wie Japan seit einigen Jahren schon zeigt!
(5) Ungenauigkeiten
Darüber hinaus sind weitere Ungenauigkeiten in dem Beitrag zu bemängeln.
- Wir sollten den Anteil von Deutschland an den CO2-Emissionen innerhalb Europas nicht klein reden, aber zumindest die Tchechische Republik, Irland, Norwegen (trotz weit gehender Stromproduktion aus Wasserkraft) und Belgien hatten in 2002 eine höhere Pro-Kopf-CO2-Produktion als Deutschland. Und sind seitdem nicht durch starke Reduktionsmaßnahmen aufgefallen.
- Der Bau neuer Kohlekraftwerke erhöht nur dann die CO2-Produktion, wenn die neuen Kraftwerke z.B. Kernkraftwerke ersetzen sollen, nicht aber, wenn sie alte, ineffiziente Kohlekraftwerke ersetzen. Dann trägt sogar der Bau von Kohlekraftwerken mit einer Stromerzeugungseffizienz von 43 Prozent zur einer CO2-Reduktion bei. Besser wäre natürlich der Bau von KWK-Erdgas-Kraftwerken, die die gleiche Strommenge produzieren können, gleichzeitig aber noch Wärme bereitstellen. Aber das setzt natürlich eine etwas andere Versorgungsstruktur voraus.
- Im Szenario A wird der Kernkraft ein Stromerzeugungsanteil von einem Drittel (also 33 Prozent) unterstellt. Real sind es heute aber 27 Prozent. Das ist vielleicht nur ein bisschen unsauber formuliert und wird hoffentlich nicht zugrunde legen, daß in Deutschland neue Kernreaktoren gebaut werden.
- Tja, und natürlich wird die Endlagerung von CO2 als technisch, wirtschaftlich und realistisch kaum durchsetzbar diskutiert. Das gleiche lässt sich natürlich auch über die Endlagerung radioaktiver Abfälle sagen. Auch hier gibt es nirgendwo (!) in der Welt ein sicheres, nachgewiesenes und vorzeigbares Endlager. Aber das war kein Thema des Artikels.
Die Schlussfolgerungen des Autors, dass es ohne Verlängerung von Kernkraftwerkslaufzeiten nicht geht, um die Ziele zu erreichen, zu denen sich die deutsche Bundesregierung bekannt ist, sind also nicht so eindeutig, wie sie dargestellt sind. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die ganz andere Szenarien realistisch durchrechnen und zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommen.
Und dass alle wichtigen Länder für die nächsten 50 (!) Jahre nicht ohne Kernenergie auskommen werden, um die Klimaprobleme in den Griff zu bekommen, ist auch eine sehr weit hergeholte Hypothese, die durch nichts untermauert wird. Im Gegenteil, Kernenergie wird unser Klima nicht retten, dazu sind die Beiträge zur weltweiten Energieversorgung zu gering. Und wer möchte schon in heute durchaus labilen Staaten eine hochkomplexe Kernenergieinfrastruktur aufbauen.
Dennoch, ich begrüße den Diskussionsbeitrag des Autors, damit endlich eine zukunftsfähige Diskussion um eine zukunftsfähige Energieversorgung in unserem Land und in der Welt in Gang kommt. Leider teile ich nicht die dargestellten Schlussfolgerungen.
Ich freue mich auf eine Stellungnahme des Autors.