Hergeschafft
Blickfänger der Ausstellung ist ein freistehendes Riff. Es verströmt einen leicht fischigen Geruch – es ist echt. Wissenschaftler des Naturkundemuseums hatten es 1967 vor Kuba abgebaut und nach Berlin gebracht, noch bevor klar wurde, dass die Zukunft der Riffe bedroht ist. Das DDR-Fernsehen nahm das damals zum Anlass, einen Film über das Kubariff zu drehen, mit Manfred Krug als Sprecher.
Das Riff so aus der Nähe zu betrachten, es umrunden zu können, kein Glas zwischen sich und den Korallen zu sehen, das ist eine etwas andere Erfahrung, als man es vom Zoo gewöhnt ist.
"Dieses Riff bietet die Möglichkeit, den Lebensraum in seiner dreidimensionalen Struktur zu begreifen, statt nur Fischen hinter Glas zuzusehen"
(Reinhold Leinfelder)
"Wir können und wollen nicht mit Großaquarien konkurrieren. Aber dieses Riff bietet die Möglichkeit, den Lebensraum in seiner dreidimensionalen Struktur zu begreifen, statt nur Fischen hinter Glas zuzusehen", erklärt Reinhold Leinfelder, seit 2006 Generaldirektor des Naturkundemuseums Berlin und Kurator der als Wanderausstellung konzipierten Schau.
(Reinhold Leinfelder)
Eingelebt
In den Schaukästen rund um das Kubariff lenken kleine Scheinwerfer das Auge auf Gruppen von Glasbehältern. Allerlei exotische Riffbewohner wie Fangschreckenkrebs, Dornenkronenseestern, gefleckte Muräne oder Sanddollar schweben hier schwerelos konserviert in Alkohol.
Auf farbenfrohes Gewimmel müssen die Besucher jedoch nicht völlig verzichten. Besteigt man das angedeutete Boot am anderen Ende des Raumes, gibt ein Monitor scheinbar den Blick durch den Glasboden frei. Durch eine Taucherbrille kann man die Welt der Blumentiere sogar in 3-D erleben.
Tiefgetaucht
Der Fokus der Sonderausstellung liegt klar auf den für ihre Farbenpracht bekannten tropischen Flachwasserriffen. Das Sonnenlicht nutzend, das durch die Wasseroberfläche bricht, haben sich die Lebewesen dort an eine sehr nährstoffarme Welt angepasst. Auf die zunehmende Einleitung nährstoffreicher Abwässer sind sie nicht vorbereitet. Makroalgen überwuchern und ersticken dann die Riffe, Seeigel, die gewöhnlich den Algenbewuchs als lebende Rasenmäher unter Kontrolle halten, kommen seit einer Epidemie in den 1980er Jahren nicht mehr gegen das Unkraut an, zumal vielerorts auch die algenabweidenden Fischarten hoffnungslos überfischt worden sind. Artenreichtum geht verloren und bedroht damit auch die Proteinversorgung von 800 Millionen Menschen in Süd- und Ostasien, Ostafrika und in der Karibik.
Gemeinsam beherbergen die verschiedenen Riffsorten etwa 3800 bekannte Korallenarten, darunter 1300 strukturbildende Steinkorallen. Jährlich lagern die kleinen Polypen über 600 Millionen Kalk ab und bauen damit die größten biologischen Strukturen der Erde. Das Great Barrier Reef mit seinen 2000 Kilometern Länge ist aus dem Weltraum leicht zu sehen. Dabei bilden die Riffe einen natürlichen Brandungsschutz, der Strände und Lagunen schützt und erneuert.
Ausgebleicht
Heute ist ein Fünftel aller Korallenriffe tot. Der Weltklimarat befürchtet, dass sich bis 2030 knapp zwei Drittel der Riffe in Wüsten verwandeln werden, und in 50 bis 100 Jahren könnten sie gar ausgestorben sein. Neben dem Fischen mit Sprengstoff und Zyanid, der Schleppnetzfischerei, die Korallenbänke in Geröllhalden verwandelt, und der Wasserverschmutzung steht der Klimawandel ganz oben auf der Liste der Bedrohungen, denen sich die marine Lebensgemeinschaft ausgesetzt sieht.
Zurückgeblickt
Im Laufe der Erdgeschichte sind Riffe schon mehrmals fast ausgestorben und haben sich doch wieder erholt. Oft hat die Rekonvaleszenz jedoch viele Millionen Jahren in Anspruch genommen. Auch waren die Riffbildner nicht immer Korallen, sondern unter anderem Bakterien, Algen, Muscheln oder Schwämme.
Seit etwa 60 Jahren interessieren sich neben Geologen und Fossiliensuchern vor allem Ölfirmen für die versteinerten Riffe. Denn ein Großteil der weltweiten Erdölvorkommen ist in den alten Riffformationen gespeichert. Darüber hinaus dient der Kalk aber auch der Bauindustrie, welche die fossilen Riff- und Lagunenkalke beispielsweise zu Mörtel verarbeitet.
Fitgemacht
Der materielle Wert der noch lebenden Riffe ist jedoch auch nicht zu vernachlässigen: Einem Magazin des Bundesumweltministeriums zum Internationalen Jahr des Riffs zufolge schätzte man die jährliche Wertschöpfung der Riffe bereits Anfang der 1990er Jahre auf 300 Milliarden Euro. Allein der "touristische Wert" der Karibik-Riffe wird heute mit 90 Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt.
Sonst sind es aber besonders die unbeweglichen Arten wie Schwämme, die sich der chemischen Keule bedienen. Die Medizin hat sich dies in den letzten Jahren zunehmend zu Nutze gemacht und gewinnt aus den Tieren inzwischen eine ganze Reihe hochwirksamer Medikamente: Diese wirken antiviral, gegen Pilzbefall oder auch entzündungshemmend. Das Gift von Conus magnus nutzen Ärzte beispielsweise als starkes Schmerzmittel vor allem in der Krebsbehandlung.
Hingebaut
Heilmittel, Artenreichtum, Nahrungsquelle – es gibt viele gute Gründe, für den Erhalt der Riffe zu kämpfen. Oder sie wieder aufzuforsten? Schnell taucht der Begriff des "künstlichen Riffes" auf. "Mit dem Begriff künstliche Riffe wird viel Schindluder getrieben", beklagt Leinfelder. Er steht für endlose Reifenhalden, versenkte Bohrplattformen, unter Strom gesetzte Maschendrahtgeflechte oder löchrige Beton-Tetraeder. Der Riffwissenschaftler weist auf einen Werbefilm für diese so genannten Reefballs:
"Da versteckt sich nun ein Fisch und die nennen das einen Erfolg!"
(Reinhold Leinfelder)
Ein Fisch schwimmt durch eine der Beton-Pyramiden. "Da versteckt sich nun ein Fisch und die nennen das einen Erfolg!" Die nächste Einstellung zeigt spärlichen Bewuchs entlang der Reefball-Kanten: "Alles Algen und Weichkorallen. Absolut nichts Strukturbildendes."
(Reinhold Leinfelder)
Befürworter der künstlichen Riffe heben immer wieder hervor, dass die Fischdichte rund um die menschlichen Bauten am Meeresgrund zunehme. "Fische fühlen sich von auffälligen Strukturen angezogen. Aber sie werden effektiv nur aus den umliegenden Bereichen abgezogen. Im Prinzip handelt es sich hier um große Fischfallen", meint Leinfelder jedoch dazu.
Künstliche Riffe funktionierten nur da, wo das Ökosystem in Ordnung ist. Sie können also dort helfen, wo ein gesundes Riff durch unbedachten Ankerwurf beschädigt wurde oder ein Schleppnetz einen Teil des Riffs eingeebnet hat. In solchen Fällen würde sich ein Riff aber im Laufe der Zeit auch selbst wieder regenerieren.
Resümiert
Um den faszinierenden Lebensraum Riff zu schützen, bleibt also nur eines: Stressfaktoren reduzieren. Dazu müssten schonendere Fischfangmethoden gefördert, Wasserverschmutzung gestoppt und der Klimawandel so weit als möglich eingedämmt werden. Hoffnungen knüpfen sich in dem Zusammenhang an die Biodiversitätskonferenz, die mit 190 Teilnehmerstaaten im Mai in Bonn stattfindet.
Im ganz Kleinen helfen dabei aber sicher auch Ausstellungen wie diese, die die bedrohte Welt ins öffentliche Bewusstsein rücken, ohne zu polemisieren oder zu belehren. Und für Besucher, deren Interesse nachhaltig geweckt ist, bietet das Begleitbuch zur Sonderausstellung mit einer Sammlung vertiefender Artikel die Möglichkeit, auch daheim weiter abzutauchen.













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