Wie immer nach einer solchen Katastrophe folgt im Nachhinein die gründliche Analyse seismischer und GPS-Daten, um das Geschehen nachzuvollziehen. Schnell zeigten sich hier Ungereimtheiten, beginnend mit dem Herd des Bebens: Es hatte nicht, wie bei solch starken Erschütterungen üblich, an einer Subduktionszone stattgefunden, sondern im Inneren der Pazifischen Platte. Ein weiteres Rätsel stellte die Insel Niuatoputapu im Norden Tongas dar, die sich nicht an dem Ort befand, wo sie nach dem Einfluss des Bebens hätte sein sollen: Statt 80 Millimeter weiter im Südwesten vermeldeten sie die GPS-Koordinaten nun 350 Millimeter weiter im Osten. Und schließlich gelang es Forschern nicht, anhand der seismischen Messwerte die Wellen des Tsunami nachzubilden.
Als Wissenschaftler die Fakten im Dezember 2009 auf einer Tagung der American Geophysical Union diskutierten, äußerte Chen Ji von der University of California in Santa Barbara den Gedanken, es könnte sich um zwei Beben gehandelt haben, deren Effekte sich dann überlagerten. Begeistert griffen Thorne Lay von der University of California in Santa Cruz und seine Kollegen diese Idee auf und präsentieren nun eine These, die – weil sie den üblichen Ablauf des Geschehens schlicht umkehren würde – reichlich revolutionär wäre. So sie denn stimmt.
Ihrer Ansicht nach, die sie mit entsprechenden Computersimulationen untermauern, löste das erfasste Beben innerhalb der Platte binnen zwei Minuten zwei weitere schwere Erschütterungen der Magnitude 7,8 im 50 Kilometer entfernten Tongagraben aus, wo sich die Pazifische Platte unter die Tonga-Mikroplatte schiebt. Diese kurze Zeitspanne hätte das Signal des zweiten Schlags in den seismischen Daten kaschiert, erklären die Forscher. Erst bei gründlicher Spurensuche wurden sie fündig [1].
Thorne Lay und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass nicht ein, sondern letztlich drei schwere Erdbeben am 29. September 2009 einen Tsunami auslösten, der 192 Menschenleben forderte. Dabei habe das erste Beben im Inneren der Pazifischen Platte zwei weitere Beben in der Subduktionszone bewirkt – normalerweise ist die Reihenfolge umgekehrt.
Dagegen ist die Erklärung, die John Beavan von der neuseeländischen Forschungsinstitution GNS Science und seine Kollegen für den Ablauf bieten, nicht ganz so revolutionär – obwohl sie die These von Lay und Co nicht völlig ausschließen. Ihre eigene Rekonstruktion kommt ebenfalls zu einem zweiten beteiligten Beben, aber in gewohnter Reihenfolge: erst im Graben, dann im Inneren der Platte.
Das Schema verdeutlicht die Hypothese von John Beavan und seinen Kollegen: Sie kommen zu dem Schluss, dass zwei beinahe gleichzeitig stattfindende Beben den Tsunami auslösten, wobei hier die Erschütterung in der Subduktionszone wahrscheinlich als Erstes stattfand.
Beide Varianten bedeuten für die Tsunamiwellen, dass sie von zwei Beben beeinflusst wurden und daher ein komplexes Ausbreitungsmuster aufwiesen. Und tatsächlich stimmen Simulationen, die das berücksichtigen, mit den real gemessenen Höhen und Ankunftszeiten überein. Welche Forschergruppe nun richtig liegt oder ob es noch weitere Alternativen gibt, wird sich allerdings erst anhand weiterer Analysen und Diskussionen herauskristallisieren.






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