Auf die Ausbildung an der Elitehochschule sattelte Henri Becquerel noch ein Ingenieursstudium an der Straßenbau-Schule Ecole des Ponts et Chaussees, was ihm einen Posten in der Ministerialabteilung für Straßen- und Brückenbau einbrachte, zu deren Chefingenieur er 1894 aufstieg. Zunächst beschäftigte sich Henri in seiner Forschung vor allem mit den Eigenschaften des Lichts. So gelang es ihm, die infraroten Banden des Sonnenlichts nachzuweisen. Außerdem zeigte er, dass sich die Polarisation des Lichts nicht nur beim Eintritt in Festkörper und Flüssigkeiten, sondern auch beim Übergang in Gase ändern kann.
Röntgenstrahlung als Anstoß
Im Jahr 1891 übernahm er nach dem Tod seines Vaters dessen Lehrstuhl und erbte damit auch sämtliche Laborausstattung inklusive einer stattlichen Sammlung leuchtfähiger Mineralien wie zum Beispiel Uransalze. Er folgte seinen Vorgängern in der Erforschung der Phosphoreszenz und Fluoreszenz. Schon wenige Jahre später war Henri zu einem der einflussreichsten Wissenschaftler Frankreichs geworden. Nicht etwa durch seine gewissenhafte, durch bescheidene Erfolge belohnte Forschung, sondern durch seine dreifache Professorentätigkeit an der Ecole Polytechnique, dem Musée d'Histoire Naturelle sowie dem Conservatoire National des Arts et Métiers.
Henri Poincaré stellte Röntgens Ergebnisse am 10. Januar 1896 auf einer Sitzung der Französischen Akademie der Wissenschaften vor. Auf Frage Henri Becquerels erklärt er, dass die mit Hilfe einer Kathodenstrahlröhre erzeugten X-Strahlen von der Stelle der Anode ausgingen, die unter Beschuss am stärksten leuchte. Mit der Lumineszenzforschung in den Genen und der passenden Ausrüstung im Labor macht sich Becquerel sogleich an die Arbeit, die X-Strahlung fluoreszierender Stoffe nachzuweisen.
Entdeckung der Radioaktivität
Becquerels Experiment ist simpel: Er wickelt eine photografische Platte in mehrere Lagen undurchsichtigen Papiers, platziert darauf eine unter Einstrahlung von Licht fluoreszierende Probe Uransalz aus den Beständen seines Vaters und legt das Paket in die Sonne. Tatsächlich zeichnete sich auf der anschließend entwickelten Fotoplatte der Umriss der Probe ab. Das Ergebnis lässt Becquerel an eine durchdringende Strahlung – ähnlich den X-Strahlen – in Folge von Fluoreszenz glauben. Ein Irrtum.
Richtig. Es handelt sich nicht um Fluoreszenz, sondern um eine spontane und von der Beleuchtung unabhängige Strahlung des Uransalzes. Die meisten Wissenschaftler verloren an der von Marie Curie später Radioaktivität getauften Becquerel-Strahlung schnell das Interesse. Denn eine kaum begrenzte Zahl verschiedener Strahlen, von Kathoden- über Kanal- zu Glühwürmchenstrahlung beschäftigten damals die Forscher. Und in der Öffentlichkeit waren Röntgens X-Strahlen an Unterhaltungswert ohnehin nicht zu überbieten.
Die Nachwirkungen
Becquerel selbst forschte weiter mit Uran. Es gelang ihm nachzuweisen, dass sich die emittierte Strahlung durch magnetische Felder ablenken lässt und Gase ionisiert. Sie besteht demnach aus den kurz zuvor von Joseph John Thomson identifizierten Elektronen, folgerte er. Außerdem können die Strahlen auch die Haut verbrennen, wie Becquerel am eigenen Leib erfuhr. Seine Erkenntnisse führten schließlich sogar zu ersten medizinischen Anwendungen.
Fünf Jahre später, am 25. August 1908, starb Antoine Henri Becquerel in Le Croisic an der französischen Atlantikküste. Die von ihm entdeckte radioaktive Strahlung hat seither viele unterschiedliche Anwendungen gefunden, von der Medizin bis zur Kriegsführung. Dabei mag der eigentliche Entdecker oft in den Hintergrund geraten sein, doch spätestens 1986 war sein Name plötzlich wieder in aller Munde: Denn die in Folge des Reaktorunfalls von Tschernobyl stark erhöhte Radioaktivität in Pilzen, Haselnüssen und Wildschweinen wird seit 1985 in Becquerel gemessen; die bis dahin verwendete Einheit Curie ist nicht mehr gültig.


Wissenschaftsjournalist in Berlin





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