Geologen wie Charles Bufe und David Perkins vom US Geological Survey (USGS) sehen in dieser Häufung durchaus einen Vorboten für tektonisch unruhigere Zeiten: "Das Risiko für diese sehr starken Erdbeben ist gestiegen", warnte Bufe kürzlich während der Jahrestagung der Seismological Society of America in Memphis. Die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten sechs Jahren ein weiteres Beben der Stärke 9 oder höher stattfindet, liegt seiner Meinung nach bei 63 Prozent.
Keine Fernwirkung
Noch weiter geht Andrew Michael, der ebenfalls für den USGS arbeitet, aber völlig anderer Meinung ist als Bufe und Perkins: Er hat eine Reihe von statistischen Analysen über die Beben der letzten Jahrzehnte laufen lassen und dabei auch verschiedene Magnitudenschwellenwerte berücksichtigt – ohne, dass sich ein klares Muster ergeben hätte. "Nichts spricht dagegen, dass sich Starkbeben nur zufällig häufen", so Michael.
Dazu passt auch eine Studie von Tom Parsons vom USGS und Aaron Velasco von der University of Texas in El Paso, die keinen Zusammenhang zwischen weit entfernten Beben feststellen konnten: Die beiden Geologen hatten 205 Erdbeben verschiedenster Stärken aus den letzten 30 Jahren ausgewertet und zueinander in Bezug gesetzt. Den meisten schweren Erschütterungen folgten über Tage und Wochen lokale Nachbeben, wie dies momentan zum Beispiel auch in Japan der Fall ist: Der erste Schlag baut zwar meist einen großen Teil der Spannung im Untergrund ab, doch gleichzeitig verhaken sich während der abrupten Plattenbewegung vor Ort neue, kleinere Bruchstücke: Sie lösen sich etwas später und setzen dabei noch aufgestaute Restenergie nach und nach frei – mit abnehmender Magnitude.
Da die seismischen Schwingungen dieser Beben den gesamten Erdkörper durchlaufen, werden sie auch andernorts gemessen – und verursachen an anderen Plattengrenzen ebenfalls kleinere Erschütterungen. Diese lassen sich aber zumeist nur mit Seismometern nachweisen: Ein schweres Beben in Chile wirkt sich also nicht katastrophal auf die tektonischen Bewegungen in Pakistan oder vor Indonesien aus. Parsons und Velasco entdeckten jedenfalls keinen Fall, bei dem ein Erdbeben der Magnitude 5 oder höher ein mindestens ebenso heftiges Ereignis in entfernten Regionen ausgelöst hatte.
Droht Tokio bald ein Megabeben?
Dieser Zusammenhang weckt bei vielen Menschen in Japan Ängste um Tokio, da sich die Millionenmetropole nur wenige hundert Kilometer südlich des Epizentrums vom 11. März befindet: Das seit Langem erwartete Tokai-Megabeben unmittelbar unter der Stadt oder vor der Küste könnte das so genannte Tohoku-Beben vom März noch in den Schatten stellen und zahlreiche Tote und Schäden in zigfacher Milliardenhöhe verursachen.
Die tektonischen Verhältnisse in dieser Region sind jedoch deutlich komplizierter als vor der Küste Sumatras, da hier mindestens drei Plattengrenzen eine Rolle spielen, wie Birger-G. Lühr erläutert: "Im Falle Japans kommt südlich des jetzt gebrochenen Bereichs, wo die Pazifische unter den südlichsten Ausläufer der Nordamerikanischen Platte taucht, mit der Philippinischen eine weitere Platte ins Spiel. Das erschwert Überlegungen bezüglich der Spannungsumverteilung. Voraussagen, ob sich die Verhältnisse weiter aufgeladen oder sogar entspannt haben, sind also kaum möglich." Sein Kollege Wenzel vom KIT sieht zumindest momentan keine unmittelbar gesteigerte Gefahr für Japans Hauptstadt: "Wir denken nicht, dass deswegen das Tokai-Beben früher eintritt."
Da durch die Erschütterungen gewaltige Wassermassen im Pazifik angehoben wurden, entstanden riesige Tsunamis, die die Küste Japans verwüsteten. Vom Epizentrum breiteten sie sich dann über das ganze Meer aus, wobei ihre Wellenhöhen mit zunehmender Entfernung niedriger wurden.
Die Plattengrenze im Norden Japans galt außerdem nicht als Kandidat für ein Megabeben: Die abtauchende Erdkruste ist hier recht kalt, sehr dicht, mit rund 140 Millionen Jahre ziemlich alt und vor allem träge. Extreme Erschütterungen wurden dagegen bislang mit relativ jungen und folglich heißen, sich schnell bewegenden Plattenstücken in Verbindung gebracht: eine Regel, die nicht mehr haltbar erscheint. Praktisch jede Subduktionszone kann also katastrophal brechen – und das jederzeit.


Der Autor ist Redaktionsleiter von Spektrum.de. 





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