Mikro-Medizin
Überhaupt: Neben dem 200. Geburtagstag des großen Evolutionsforschers verblassten ein wenig die anderen Jahrestage wie etwa der 75. Geburtstag der Affenforscherin Jane Goodall, der 150. Todestag des Universalisten Alexander von Humboldt oder der 90. Geburtstag des "Flossenmenschen und Herr der Haie", Hans Hass.
Belebte Erde
Eindrucksvoll war ebenfalls, was in diesem Jahr von der prähistorischen Weltherrschaft der Pilze, den Tarntricks von Pflanzen oder der auch Asteroideneinschläge achselzuckend wegsteckenden Robustheit von Mikroben bekannt wurde. Auch das vielleicht hässlichste Wesen auf oder eher unter der Erde machte wieder von sich reden: Des Nacktmulls Hirn braucht erstaunlich wenig Sauerstoff.
Zurück zum Thema Gesundheit und Krankheit über die Breitband-Schnittstelle zwischen Biologie und Medizin – dem Immunsystem von Mensch, Tier und Pflanze: Letzteres unterstützt der regulierte Abwehrwall vor den Stomata-Öffnungen der Blätter – sie schließen sich, sobald Mikroben bedrohlich werde. In den Atemwegen der Menschheit passen dafür feine Härchen auf und warnen uns vor Giftstoffen. Unsere Milz – eine weitere Erkenntnis des Jahres 2009 – fungiert als Aushilfsimmunorgan und produziert Monozyten-Abwehrzellen, wenn andere Verteidiger des Körpers ausfallen. Verzichtbar, wie lange vermutet, ist die Milz also genauso wenig wie der Blinddarmfortsatz bei vielen Säugetieren.
Gegen den Krebs: Aufklärung und Keule
Am liebsten sähen auch Krebsforscher, wenn man die tödliche Entartung der Zellen schon verhindern könnte, bevor sie geschieht. So wünschenswert, so schwierig ist aber im Detail herauszufinden, warum welcher Krebs entsteht. Fortschritte gab es dabei durchaus: Zu den verschiedensten bekannten genetischen und äußeren Risikofaktoren gesellen sich seit diesem Jahr endgültig bestimmte Retroviren und auch bestimmte Stammzellen – beide lösen nachweislich Prostatakrebs aus, genetische Defekte müssen dafür nicht vorliegen. Solches Detailwissen macht auch Hoffnung: Nur ein enttarnter Feind kann wirkungsvoll bekämpft werden. Die beteiligten Forscher hoffen nun, antiretrovirale Medikament, die sich gegen HIV bewähren, einmal auch gegen den Krebs der Vorsteherdrüsen einsetzen zu können.
Wie viele andere Ansätze muss auch dieser im kommenden Jahr intensiver untersucht werden – man kann gar nicht genug über die Details des aus dem Ruder gelaufenen Zellgeschehens verstehen, um erfolgreich gegenzusteuern. So mussten zum Beispiel verfrühte Hoffnungen gedämpft werden, die frühere Tierversuche mit einem Wirkstoff gegen Glioblastome, einem Hirntumor, geweckt hatten: In Patienten wirkte dieses neue Medikament, ein Integrin-Inhibitor, merkwürdig schwach oder gar nicht. Und in niedriger Dosis tat es sogar das Gegenteil von dem, für das es die Onkologen vorgesehen hatten: Statt das Wachstum von Blutgefäßen zu Tumoren zu unterbinden, knipste es einen Wachstumsfaktor an, der die Krebszellen besser an die Nährstoff- und Sauerstoffversorgung anschloss. Die unerwartete Janusköpfigkeit des Wirkstoffes war in Mäusen vorher übersehen worden.
Zu einer ähnlich lehrreichen Enttäuschung gerieten Studien über die Ursachen von Neuroblastomen, einer besonders fatale Krebserkrankung, an der gerade junge Kinder leiden. Klar war, dass eine bestimmte Kinase in den kleinen Patienten häufig falsch funktioniert; zudem häufen sich im Erbgut von Betroffenen Mutationen in einem Gen, welches den Universal-Regulator N-Myc in den Zellen daraufhin häufiger produziert, als es den Zellen gut tut: Sie entarten. Das muss irgendwie zusammenhängen, hatten Forscher gedacht und wollten ursprünglich schlicht die Kinase ausschalten, um die überschießende Aktivität zu bremsen. Tatsächlich zeigte sich bei einem genauen Blick aber, dass auch völlig inaktive Kinasen an das überaktive N-Myc binden und es stabilisieren – es kann nun noch länger verschiedene Gene überaktivieren. Das offenbar wichtigste der von N-Myc regulierten Gene ist dabei ausgerechnet jenes für die Proteinkinase, die an N-Myc bindet: Ein Teufelskreis beginnt, der allein durch das Abschalten des einen Enzyms nicht durchbrochen werden kann.
Insgesamt müssen Menschen mit der Diagnose Krebs nicht mehr ganz düster in die Zukunft blicken: Auch wenn die neuen Ansätze der Tumorbekämpfung und Früherkennung noch einige Zeit brauchen werden, um in der Praxis eingesetzt zu werden, bewähren sich schon heute die Ideen der Vergangenheit. So führt zum Beispiel eine deutlich verbesserte Prävention und Früherkennung dazu, dass in Europa immer mehr Patienten von Krebs geheilt werden, wie eine groß angelegte Langzeitanalyse belegt. Nicht verwunderlich, dass immer verfeinerte Methoden der Krebs-Früherkennung darauf warten, sich auch im Alltag zu bewähren. Zwei Beispiel aus den vergangenen Monaten: Sensorenchips auf Nanobasis, die deutlich empfindlicher auf Pikogramm-Mengen von Tumorproteinen im Blut ansprechen, sowie ähnliche Sensoren, der in der ausgeatmeten Luft Hinweise auf eine Lungenkrebserkrankung erkennen.
Kleine Helfer und große Worte
Generell arbeitete die Stammzellforschung in diesem Jahr eher am Feinschliff – Sensationen der Vorjahre, wie die Entdeckung der induzierten pluripotenen Stammzellen (iPS), blieben aus. Währenddessen perfektionierten Wissenschaftler in mehreren Schritten das Protokoll, mit dem die iP-Stammzellen produziert werden, nutzten verschiedene Körperzellen auch des Menschen zur Rückprogrammierung und therapierten zuvor sogar die genetischen Defekte der Spenderzelle. Viele Schwierigkeiten sind dabei überwunden – und ein paar noch unerkannte aufgetaucht. Um solche Probleme zu erkennen – und wohl der Aufmerksamkeit wegen – haben Forscher 2009 zudem gezeigt, dass aus rückprogrammierten Körperzellen einer Maus ebenfalls ein lebensfähiger Klon entstehen kann.
Sicher ist, dass das Virus unser Allgemeinwissen über die Produktion von Impfstoffen, die Beigabe von "Adjuvantien" zu effektiven, aber riskanteren Vakzinen und die tiefere Bedeutung des Wortes "Pandemie-Warnstufe" aufgefrischt hat. Hoffentlich bleiben uns die relative H1N1-Harmlosigkeit und das neu erworbene Wissen erhalten.
Verschwinden darf dagegen gerne auch die Wirtschaftskrise. Doch halt: Statistisch gesehen, so haben Forscher im April herausgefunden, sorgen ökonomische Krisenzeiten dafür, dass Menschen insgesamt länger leben. Genießen Sie die gewonnene Zeit!











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