Das letzte Porträt von Alexander von Humboldt, das Julius Schrader 1859 anfertigte. Es zeigt den Forscher vor dem ecuadorianischen Vulkan Chimborazo, den er auf seiner Südamerikareise 1802 besteigen wollte. Er erreichte eine Höhe von gut 5600 Metern, bevor er wegen Höhenkrankheit umkehren musste.
Wider dem Feudalsystem
Dazwischen liegt jene Reise, die Humboldts Weltruf als Wissenschaftler begründen sollte – und deren Auswertung ihn bis an sein Lebensende beschäftigen wird. Schon als Jugendlicher hat sich Humboldt für die Entdeckungsfahrten eines James Cook begeistert. Während des Studiums in Göttingen lernt er Georg Forster kennen, der Cook auf dessen zweiter Weltreise begleitet hatte. Mit Forster, dem "hellsten Stern meiner Jugend", reist Humboldt 1790 nach England und ins revolutionäre Paris.
Die kurze Reise ist für den jungen Studenten in doppelter Hinsicht prägend: Politisch, indem sie seine bereits latent vorhandene Ablehnung des Feudalsystems festigt ("Nur eine Wohltat, die Ausrottung des Feudalsystems und aller aristokratischen Vorurteile […] wird schon gegenwärtig genossen"). Wissenschaftlich, indem sie einem seit früher Jugend vorherrschenden Gefühl Humboldts nach Aufbruch, nach Ausbruch aus der Enge der Berliner Existenz in eine Richtung lenkt: Forsters Vorbild folgend, will er als Forschungsreisender ferne Länder erkunden.
Die Reise durch Südamerika begründete Humboldts Weltruf als Naturwissenschaftler – ein Ruhm, der bis heute fortdauert und sich in vielerlei geografischen Namensgebungen niederschlägt.
"Glücklichster Zufall meines Lebens"
Zwar machen die Feldzüge eines gewissen Napoleon Bonaparte eine exakte Umsetzung dieser Planungen unmöglich, doch als Humboldt im Juni 1799 an Bord der spanischen Fregatte "Pizarro" von La Coruña aus nach Amerika aufbricht, hat er immerhin eine Wagenladung der modernsten Messinstrumente im Gepäck. Dazu einen vom spanischen König ausgestellten Pass, der ihm buchstäblich alle Türen in Übersee öffnet ("Nie war einem Reisenden eine umfassendere Erlaubnis zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung einem Fremden größeres Vertrauen bewiesen."). Und die Gesellschaft von Aimé Bonpland, der sich als ebenso unerschrockener und belastbarer Reisegefährte sowie als kongenialer Forschungskollege erweisen sollte: "Diese Bekanntschaft war einer der glücklichsten Zufälle meines Lebens."
Gemeinsam erkunden Humboldt und Bonpland in den folgenden fünf Jahren den halben Kontinent. Sie bereisen den Orinoco und widerlegen die zeitgenössische Annahme, wonach die großen Flüsse der Erde untereinander nicht verbunden sein können, indem sie eine Verbindung zwischen Orinoco und Amazonas nachweisen. Sie erkunden die Andenvulkane und stellen mit der Besteigung des mehr als 6000 Meter hohen Chimborazo einen neuen Höhenweltrekord auf, auch wenn sie den Gipfel nicht ganz erreichten. Sie bereisen Kuba und Mexiko, erforschen die Lebensverhältnisse der indianischen Bevölkerung in den Anden, beobachten astronomische Phänomene wie die Leoniden, vermessen die Gebirgsriesen und den Golfstrom, sammeln, präparieren und werten aus, immer wieder angespornt von jener Rastlosigkeit, die Humboldt schon seit frühester Jugend in sich spürt (ein "inneres Treiben […] als wären es 10 000 Säue"). Als sie, nach einem Abstecher zu Präsident Thomas Jefferson in Washington, im August 1804 in Bordeaux wieder europäischen Boden betreten, umfasst allein ihre Ausbeute an Pflanzen gut 60 000 Präparate, darunter mehr als 6000 von bis dahin unbekannten Arten.
Alexander von Humboldt gilt zu Recht als einer von Deutschlands wichtigsten Geistesgrößen. Zu seinem 100. Todestag veröffentlichte die Deutsche Bundespost deshalb eine Gedenkmarke.
Vision universeller Wissenschaft
Zwischendurch feilt der Rastlose an neuen Reiseplänen. Asien will er erkunden, gewissermaßen als Gegenpol zur Erforschung des Westens nun den Osten bereisen. Doch trotz aller Bemühungen kann sich Humboldt diesen Traum lange nicht verwirklichen, erst 1829 erhält er die Gelegenheit für eine Forschungsreise nach Russland. Auf Einladung des Zaren bereist der inzwischen 60-Jährige Sibirien, per Kutsche, mit Leibdiener und wissenschaftlichem Assistentenstab – eine vom Zarenhof durchgeplante Exkursion, der nichts vom Abenteuer der Amerikareise anhaftet. Immerhin, die gesammelten Erkenntnisse verwertet Humboldt in seinem Werk "Asie Centrale" (1843/44).
In Berlin, wohin der König seinen Kammerherrn 1827 aus Paris zurückgerufen hat, macht sich Humboldt einen Namen durch eine Reihe von Vorträgen, die er im Winter 1828 zunächst an der Universität, dann wegen des hohen Publikumsandrangs in der Singakademie hält. Die halbe Stadt, vom Höfling bis zum Handwerker, lauscht den in anschaulicher Sprache gehaltenen Vorträgen, die den Grundstock für jenes Monumentalwerk bilden, das Humboldt bis zu seinem Tod beschäftigen wird: den "Kosmos".
Friedrich Schiller, Wilhelm und Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe in Jena: Die Gelehrten und Literaten kannten einander und trafen oder schrieben sich des Öfteren. Goethe etwa äußerte sich sehr beeindruckt über Alexander von Humboldt: "Humboldt überschüttet uns mit geistigen Schätzen." Schiller schätzte dagegen noch etwas anderes am Reisenden in Sachen Wissenschaft: "Alexander imponiert sehr vielen und gewinnt im Vergleich mit seinem Bruder meistens, weil er ein Maul hat und sich geltend machen kann."
Seine Arbeit bedeutet für Humboldt willkommene Ablenkung von den Verpflichtungen bei Hof, denen der republikanisch gesinnte Forscher nur wenig abgewinnen kann. Immerhin, seine weltweite Anerkennung als Wissenschaftler und die Gunst zweier Herrscher – Friedrich Wilhelm III. und dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. – bewahren ihn vor den Nachstellungen einer reaktionären Hofgesellschaft. Im Verlauf der Berliner Märzrevolution von 1848 verlangt das Volk, das sich vor dem Berliner Stadtschloss versammelt hat, lautstark nach Humboldt. Doch zum Volkstribun taugt der Gelehrte nicht: Als er sich auf dem Balkon zeigt, hält er keine Rede, sondern verneigt sich nur stumm vor der Menge. Am nächsten Tag, als die Gefallenen der Straßenkämpfe zu Grabe getragen werden, folgt Humboldt dem Leichenzug – so wie Berlin etwas mehr als ein Jahrzehnt später seinem Sarg folgen wird.


Der Autor arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Düsseldorf.





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