Dossier | 12.07.2009 | Drucken

Bewegtes Wissen

Schwitzen für die Wissenschaft

Ist Laufen wirklich so gesund und hilft sogar dabei Stress zu reduzieren? Yvonne Lenger ist skeptisch und wagt daher den Selbstversuch. Schafft sie es, sich als Sportmuffel regelmäßig zu motivieren und wird sie mit fachmännischem Rat am Ende sogar eine begeisterte Läuferin?

Die Stimmung in der Frankfurter Festhalle ist auf dem Höhepunkt. Euphorische Anfeuerungsrufe, Lärm von Trommeln und Trillerpfeifen: Ein Läufer nach dem anderen passiert die Ziellinie. Manche sehen abgekämpft aus, andere werden gar von Mitstreitern ins Ziel getragen. Doch alle kommen mit einem triumphierenden Blick ins Ziel. Selbst wenn ihnen die Strapazen der letzten Stunden deutlich anzusehen sind, wirken sie doch auf bizarre Weise glücklich. Jedes Jahr nehmen Tausende diese Strapazen auf sich und laufen beim Frankfurter Marathon mit. Sie tun alles, um die 42,195 Kilometer lange Strecke zu bewältigen und am Schluss in die Frankfurter Festhalle einlaufen zu können.

Bereits zweimal habe ich dieses faszinierende Spektakel miterlebt – von der Zuschauertribüne aus. Ich habe mit den Läufern mitgefiebert und habe sie angefeuert. Aber ich bin bisher nie auf die Idee gekommen, das selbst einmal auszuprobieren. Doch viele haben mir schon erzählt, wie viel besser sie sich fühlen, seit sie mit dem Laufen angefangen haben. Da ich auch gerne mal meine Grenzen austeste, entschließe ich mich zu einem Selbstversuch. Ich möchte sehen, ob ich es schaffe, regelmäßig zu laufen. Wird sich das auf mein Wohlbefinden auswirken. Bekomme ich mehr Kondition, kann ich vielleicht Stress besser abbauen? Oder schaffe ich es nicht, mich regelmäßig zu motivieren und bin über meine Leistung deprimiert?

Los geht´s

Bevor ich loslegen kann, steht erstmal Sportkleidung kaufen auf dem Programm. Meine alten Sachen passen nicht mehr richtig und außerdem soll man ja nicht gleich auf den ersten Blick sehen, dass ich im Sport ein absoluter Laie bin. Dass ich mich im Sportgeschäft von der großen Auswahl ablenken lasse und mehr auf Aussehen und Bequemlichkeit als auf Funktionalität achte, werde ich später noch bereuen.

Anfangs fallen mir alle möglichen Ausreden ein, um mich vor dem Laufen zu drücken. Irgendwann sehe ich dann aber ein, dass es nichts mehr gibt, was mich vom Laufen abhalten könnte. Und ich fange endlich an.

Ein schwerer Start

Der Anfang ist hart. Bereits nach wenigen Minuten quäle ich mich die Strecke entlang. Ich bin außer Atem, klatschnass geschwitzt und kurz davor, es mir noch einmal anders zu überlegen. Mein anfangs gestecktes Ziel von einer halben Stunde scheint in weiter Ferne. Spätestens jetzt wird mir auch klar, warum es spezielle Laufkleidung gibt, die auch besonders atmungsaktiv ist. Mein T-Shirt verrutscht immer, sodass ich es bereits nach ein paar Metern verfluche. Meine Sporthose, die im Geschäft so hübsch aussah, ist unbequem. Sie kratzt und klebt regelrecht auf der Haut. Ich muss einsehen, dass Aussehen und Passform beim Sport eben doch nicht alles sind. Nach einer halben Stunde, durch die ich mich mit Joggen, Walken und langsamem Laufen gerettet habe, ist meine Motivation zwar etwas gebremst, aber mein Tatendrang, das doch irgendwie zu schaffen, umso größer. So schnell will ich mir keine Niederlage eingestehen müssen.

Nach meinem eher bescheidenen Anfang muss ich mir doch eingestehen, dass ich die Sache nicht ganz so unvorbereitet angehen sollte. Ich beschließe deshalb, mir professionellen Rat zu holen und spreche mit Simone Kremb. Als Sportwissenschaftlerin betreut sie bei "move control" in Bensheim Menschen mit und ohne Erfahrung rund um das Thema Laufen. Sie gibt Tipps, wie richtige Laufschuhe sein sollten und zeigt im Einzeltraining auch, worauf es beim Training ankommt. Sie rät mir dazu, erst einmal langsam anzufangen und mich dann zu steigern. "Wenn man mit dem Laufen beginnen möchte, sollte man mit geringem Umfang starten und sich dann langsam steigern. Wenn man zweimal in der Woche eine halbe Stunde läuft, ist das ausreichend. Nach circa vier Wochen kann man sich dann mehr vornehmen. Gerade am Anfang sollte man sich jedoch nicht überanstrengen." Dass ich bei Muskelkater auch erst einmal zwei bis drei Tage pausieren soll, finde ich interessant, da ich bisher immer gehört habe, man solle bei Muskelkater einfach weiter trainieren. Natürlich verleitet dieses Wissen auch dazu, bei Muskelkater gleich mal den ein oder anderen Tag länger mit dem Training zu pausieren. Für einen Sportmuffel wie mich natürlich eine willkommene Ausrede.

"Laufen muss Spaß machen"

Andere brauchen da schon längst keine Ausreden mehr. Wenn sie mal eine Woche nicht laufen können, fehlt ihnen etwas und sie sind nicht ausgeglichen. Dirk Eckhardt ist einer von ihnen. Der 47-jährige läuft seit sechs Jahren mindestens drei Mal in der Woche. In dieser Zeit ist er bereits elf Marathons (42,195km) und drei Ultramarathons (50km) gelaufen. Für sein Hobby reiste er schon in die Schweiz und nach Rom, um dort an Marathonläufen teilzunehmen. Auch ihn faszinieren besonders die Stimmung und die Atmosphäre rund um einen Marathon. "Die Wettkämpfe sind das Salz in der Suppe. Man versucht besser zu werden und kann sich so immer wieder motivieren."

Mir als Anfänger rät er: "Laufen muss vor allem Spaß machen. Jeder sollte für sich selbst sehen, welches für ihn die beste Trainingsdauer ist. Irgendwann packt einen dann ganz von alleine der Ehrgeiz, sich zu steigern."

Und tatsächlich, nachdem ich bereits mehrere Male gelaufen bin, ertappe ich mich dabei, dass ich nach einer halben Stunde einfach weiter renne und dabei denke, dass doch auch eine dreiviertel Stunde Laufen zu schaffen sein muss. Hat mich jetzt etwa das Lauffieber gepackt? Vielleicht ein kleines bisschen. Wenn ich von meiner Runde nach Hause zurückkomme, bin ich meist stolz auf mich, dass ich das wirklich durchziehe. Allerdings muss ich immer noch jedes Mal vorm Training einen erbitterten Kampf mit meinem inneren Schweinehund führen. Manchmal bin leider ich als Verlierer daraus hervorgegangen. Mit dem Ergebnis, dass es mir beim nächsten Mal, wenn ich mir vorgenommen hatte zu trainieren, noch schwerer gefallen ist, überhaupt los zu laufen.

Persönliche Ziele

Dirk Eckhardt rät mir, ich solle mir persönliche Ziele setzen, die ich dann selbst unbedingt erreichen will, um so meine Motivation zu steigern. Er beschreibt, wie er sich zusätzlich motivieren kann: "Die Erfahrung lehrt mich, sobald ich mit dem Training aussetze, muss ich mein Leistungsvermögen erst wieder erarbeiten. Deswegen trainiere ich aus Faulheit immer weiter, um mein Level halten zu können." Vielleicht werde ich auch seinen Rat befolgen und mir eine Gruppe suchen, mit der ich regelmäßig laufen kann. "Zusammen macht es mehr Spaß und ist beispielsweise im Wald auch sicherer. Gerade im Winter ist es nicht so schön, alleine mit der Taschenlampe herum zu laufen." Außerdem gibt es dann auch immer Leute, die mich regelmäßig auffordern mitzukommen und die meine Ausreden sicher nicht so einfach gelten lassen.

Egal wie ich mich nach dem Ende meines Selbstversuchs entscheiden werde, danach noch weiter zu laufen oder nicht: Eines ist sicher, es ist auf jeden Fall gesund. "Laufen stärkt das Herz und den Kreislauf, Cholesterin und Blutfettwerte werden gesenkt und Glückshormone freigesetzt. Aber natürlich nur, wenn man es nicht übertreibt. Gerade als Anfänger sollte man aufpassen und von seinem Körper nicht zu viel abverlangen. Sonst kann Laufen auch schnell ungesund werden", erklärt mir Simone Kremb. Die Gefahr, dass ich meinem Körper zu viel abverlange, sehe ich bei mir nicht. Mein Problem ist bisher noch die Motivation. Doch bei so vielen guten Argumenten dürfte es doch eigentlich auch gar nicht so schwer sein, noch andere zu finden, die mit mir regelmäßig trainieren.

Fazit

Zwar bin ich selbst jetzt am Ende meines kleinen Experiments noch kein richtiger Lauf-Fan geworden, dennoch habe ich es geschafft, nach langer Pause wieder eine Sportart anzufangen. Und ich geb´s ja zu, nach dem Laufen hatte ich meistens mehr Energie und auch wenn ich es selbst kaum für möglich gehalten hätte, fast immer gute Laune. Eins steht auch jetzt schon fest: Beim nächsten Frankfurt Marathon bin ich garantiert wieder in der Festhalle mit dabei. Ob als Zuschauer oder Läufer wird sich allerdings noch zeigen.

Yvonne Lenger

Dieser Beitrag ist Teil eines Projektes der Studierenden des 4. Semesters Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt zum Thema "Laufen": Bewegtes Wissen

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