Carlo van Bernem: Große Teile der Golfküste sind mit Mangrovenwäldern bewachsen, und diese gehören zu den Ökosystemen, die am empfindlichsten auf Ölverschmutzung reagieren: Das Öl verklebt die Öffnungen in den Luftwurzeln der Pflanzen, so dass sie nicht mehr atmen können und absterben. Diese gravierenden Schäden haben weit reichende Folgen für den Küstenschutz, denn die Mangroven leisten zukünftigen Hurrikanen weniger Widerstand – zumal sie sich nur schlecht regenerieren, da sie langsam wachsen. Für das Mississippi-Delta kann es damit beim nächsten Wirbelsturm noch wesentlich schlechter aussehen, als es beim letzten Mal bereits der Fall war.
Wie sollten die Behörden nun am besten und am schnellsten reagieren, um Schäden abzuwenden?
Solange das Öl noch frisch ist, kann man versuchen, es mit chemischen Mitteln aufzulösen und in die Wassersäule zu verfrachten. Die eingesetzten Tenside überführen das Öl in kleine Tröpfchen und fördern so den mikrobiellen Abbau. Das verringert die physikalischen Schäden durch den flächigen, abdeckenden Ölfilm an der Oberfläche. Man muss jedoch zusätzlich zum Öl noch eine weitere Chemikalie ins Wasser bringen, ohne dass das Öl von dort tatsächlich entfernt wird. Es können also durchaus Folgeschäden für winzige Organismen entstehen, die die kleinen Tröpfchen aufnehmen und damit in die Nahrungskette transportieren.
Seit der Katastrophe auf der Deepwater-Horizon-Plattform strömt Öl aus dem Bohrloch und verschmutzt das Wasser. Experten beraten, wie man den Ölteppich am besten bekämpft und verhindert, dass die Küste von Louisiana verseucht wird.
Eine norwegische Firma wirbt damit, dass sie das Öl mit Torfmoosen binden will. Wäre dies ebenfalls eine Alternative?
Das kann funktionieren, doch diese so genannten Adsorbenzien werden nur sehr selten verwendet. Im Allgemeinen kann man sie ebenfalls nur unter optimalen Bedingungen einsetzen – etwa in Häfen mit ruhiger See. Auf dem offenen Meer mit hohem Wellengang sind sie sehr problematisch.
Was kann man tun, wenn das Öl anlandet?
Das kommt auf die Küstenform an: An Fels- oder Sandküsten entfernt man das Öl relativ einfach mit Hilfe von Hochdruckreinigern oder mechanisch. Das sind die geeigneten Mittel der Wahl, und damit hat man auch schon gute Erfolge erzielt – etwa nach dem Untergang der Prestige vor der Küste Galiziens. Natürlich sterben dabei Organismen, doch regeneriert sich das Ökosystem recht schnell.
In Mangroven scheidet diese Möglichkeit aus, da man kaum in die betroffenen Bereiche vordringen kann. 1986 liefen aus einem Vorratstank in Panama 10 000 Liter Rohöl aus und verschmutzten die angrenzenden Mangroven: Die schwersten Schäden entstanden hinter der direkten Küstenlinie, weil das Material tief ins Sediment eindrang und nicht mehr durch die Wellen hinausbefördert wurde. Nach 20 Jahren waren dort immer noch die ökologischen Folgen erkennbar.
Die US-Küstenwache erwägt, den Ölteppich anzuzünden: Drohen giftige Nebenwirkungen durch den Rauch?
Prinzipiell wäre das möglich, schließlich verfrachtet das Feuer einige Stoffe aus dem Öl in die Atmosphäre. Das kann zu Gesundheitsproblemen bei Menschen führen, sollte der Rauch auf das Festland wehen. Wird aber küstenfern abgebrannt, verteilen sich die Abgase weiträumig und werden verdünnt – dann sind eigentlich keine größeren Schäden zu erwarten.
Wie ginge man hier zu Lande vor, wenn eine Ölkatastrophe das Wattenmeer bedrohen würde?
Prinzipiell lässt sich kein Ölunfall mit einem anderen vergleichen. Es kommt darauf an, zu welcher Jahreszeit er stattfindet, wie viel und welches Öl ausläuft, ob es sich mechanisch oder nur chemisch bekämpfen lässt und so weiter. Bedroht zum Beispiel ein Tankerunfall im Wattenmeer 100 000 mausernde und damit flugunfähige Brandgänse, sähe man von einer rein mechanischen Herangehensweise wohl ab. Je nach Öl und Wetterbedingungen würde man versuchen, den Teppich aufzulösen und in die Wassersäule zu bringen, damit das Öl nicht das Gefieder verklebt.
Am 20. April 2010 brach auf der Deepwater Horizon ein Feuer aus, das letztlich die Ölbohrplattform zerstörte.
Wäre Deutschland für eine derartige Katastrophe gewappnet?
Die Bundesrepublik ist darauf eigentlich sehr gut vorbereitet: Die Kapazitäten sind für einen Ernstfall bis zu 20 000 Tonnen ausgelegt. Da das Wattenmeer eine Weichbodenküste ist, kann ein Tanker eigentlich nicht völlig zerschellen, wie es 1967 mit der Torrey Canyon vor der englischen Südküste der Fall war: Sie lief auf ein Riff und zerbrach in mehrere Teile, weshalb die gesamte Fracht auslief.
Im Wattenmeer sind nur Schäden an einzelnen Kammern des Tankers zu erwarten. Die Mengen an austretendem Öl sind mit unseren Mitteln unter normalen Umständen bekämpfbar – sofern die Tideströmung das Öl nicht zu schnell in Flachwasserbereiche treibt, wo die Schiffe nicht mehr arbeiten können. Ab 2015 dürfen zudem nur noch Doppelhüllentanker die Ozeane befahren, das reduziert die Risiken.
Neben akuten Ölteppichen existiert auch noch eine chronische Verschmutzung der Meere, etwa durch illegale Tankreinigungen: Belastet dies das Ökosystem auf Dauer nicht mehr als die eine große Ölpest?
Ein großer Unfall ist lokal begrenzt, verursacht dort jedoch große Schäden am gesamten Ökosystem. Die chronische Verschmutzung durch gesetzeswidrig eingeleitete Tankrückstände oder kontaminiertes Ballastwasser trifft vor allem Seevögel. Großflächige Schäden am Lebensraum selbst sind davon jedoch nicht zu erwarten, weil die Mengen zu gering sind. An Deutschlands Küsten wird dennoch mit einem gezielten Monitoring gezählt, wie viele tote Tiere angetrieben werden. Mit Hilfe chemischer Analysen lässt sich aus den Ölrückständen häufig der mutmaßliche Verursacher ausfindig machen, und wird er zweifelsfrei überführt, drohen ihm auch Strafen.
Leistet die Politik genügend, um derartige Vergehen zu ahnden?
Nein, hier besteht Nachholbedarf. Die Strafen schrecken nicht ab, denn sie sind zu gering. In der Regel richten sie sich nach dem Verursacherprinzip – und der "Verursacher" ist meist derjenige an Bord, der am wenigsten verdient.
Prestige, Erika, Braer, Amoco Cadiz: Diese Schiffsnamen haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Als sie untergingen, verseuchten sie die Küsten Englands, der Shetland-Inseln oder Galiziens mit ihrem Öl.
Das kostet Geld, und wenn eine Reederei dieses Geld sparen will, verzichtet sie auf die Entsorgung. Es gab mal eine Zeit, da hat Hamburg die Rückstände kostenfrei abgenommen. Daraufhin ging sofort das illegale Einleiten ins Meer zurück, wie die Luftüberwachung gezeigt hat. Nach Ende der Kostenfreiheit stieg die Entsorgung auf See rasch wieder an.
Herr van Bernem, vielen Dank für das Gespräch.







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